Skip to main content

Öffentliches Recht: Interview mit Hannah Tiesler (VOELKER)

In diesem Interview im Rahmen unserer Berufsspecials gibt Hannah Tiesler, Leiterin des öffentlichen Sektors bei VOELKER, Einblicke in ihre Arbeit im öffentlichen Recht. Sie zeigt, wie juristische Beratung konkret zur Gestaltung von Infrastruktur und gesellschaftlichen Entwicklungen beiträgt und warum diese Tätigkeit besonders sinnstiftend ist.

  • Artikel teilen
Öffentliches Recht: Interview mit Hannah Tiesler (VOELKER)

Frau Tiesler, Sie leiten den öffentlichen Sektor bei VOELKER. Können Sie sich unseren Leser:innen kurz vorstellen? Was hat Sie ursprünglich dazu bewogen, sich auf das öffentliche Recht und die Beratung der öffentlichen Hand zu spezialisieren?

Ich bin ein Fan des Rechtsstaats.

Schon während meines Jura-Studiums hatte ich das große Glück, in den Gemeinderat meiner Heimatstadt Tübingen gewählt zu werden. Insbesondere der Planungsausschuss hat es mir angetan. Wie wollen wir in Zukunft zusammenleben und was kann der Staat im Großen und die Kommune im Kleinen dazu leisten?

Als junge Anwältin und Mutter von drei kleinen Kindern startete ich meine Karriere im Verwaltungsreferat bei VOELKER & Partner mbB mit dem Schwerpunkt Planen und Bauen. Bevor ich die Leitung des öffentlichen Sektors bei VOELKER übernahm, war ich – auch um mein Profil um praktische Erfahrungen abzurunden – einige Jahre lang als Projektleiterin bei der Stadt Reutlingen tätig.

Mich begeistert funktionierende Infrastruktur. Das Wasser fließt, der Bus kommt, das Licht leuchtet, Kinder sind betreut, Kranke versorgt: Es gibt einen Weg – im wörtlichen wie im übertragenen Sinne. Eine funktionierende Verwaltung stellt das sicher.

Wie ist der Bereich des öffentlichen Sektors bei VOELKER strukturiert – und was zeichnet Ihre Zusammenarbeit im Kompetenzteam besonders aus?

Wir denken die Beratung vom Projekt her. Spezialisierte Rechtskenntnisse sind essenziell, geben jedoch nicht die Struktur vor. Im Kompetenzteam arbeiten deshalb Kolleginnen und Kollegen – nicht wenige Partner:innen der Kanzlei – referatsübergreifend zusammen. So ist einerseits ein hoher Grad an Fachlichkeit, andererseits aber auch Erfahrung mit der Beratung der öffentlichen Hand sichergestellt.

Ich sage gerne: Im Ö-Team (augenzwinkernde Anlehnung an das A-Team) tragen wir eine „Spezialbrille“ für den Blickwinkel und die Besonderheiten des öffentlichen Sektors und „sprechen“ fließend Verwaltung.

Der öffentliche Sektor steht vor großen gesellschaftlichen Transformationsprozessen. Welche Entwicklungen prägen Ihre Arbeit derzeit besonders?

Die Themen auf meinem Schreibtisch sind häufig kongruent mit den großen Schlagzeilen – allerdings heruntergebrochen auf konkrete Situationen vor Ort. Spricht man auf der Metaebene über die Stadt der Zukunft, die angespannten Kommunalfinanzen, die Gesundheitsreform, die Energiewende, Bürokratieabbau, Digitalisierung oder den Fachkräftemangel, so werden daraus in meiner täglichen Arbeit ganz konkrete Projekte.

Ansporn und Herausforderung liegen dabei im Gestalten rechtlicher Spielräume.

Wie sieht ein typischer Arbeitstag im Bereich des öffentlichen Sektors bei VOELKER aus?

Sehr abwechslungsreich.

Die einzelnen Tage bringen eine Fülle ganz unterschiedlicher Themen mit sich. Das ist zumeist wichtig und nur selten mal ganz eilig. Der Puls wird von Gremiensitzungen bestimmt; Fristen und Termine geben den Takt vor. Insbesondere kommunale Projekte zeichnen sich regelmäßig durch eine interdisziplinäre Herangehensweise aus. Es braucht Teamwork innerhalb der Kanzlei, aber auch mit unseren Mandant:innen. Vor Gericht streiten wir vergleichsweise selten. Neben klassischer Fallbearbeitung spielen auch Projektmanagement und Strategie eine große Rolle. In jedem Tag steckt Recherche, Analyse und Kommunikation. Das Ganze funktioniert nur mit Vertrauen und Verlässlichkeit.

Mehr über VOELKER erfahren:

Mittelständische Kanzlei

VOELKER & Partner mbB

VOELKER LinkedIn Banner fuer persoenliche Profile rot

3 Standorte

0 Events

6 Jobs

Alle Arbeitgeber entdecken

Was unterscheidet die Beratung der öffentlichen Hand grundlegend von der Beratung privater Unternehmen?

Bereits im Namen „öffentliche“ Verwaltung ist eine wichtige „dritte“ Dimension angelegt: die Öffentlichkeit. Wenn beispielsweise ein Rathaus oder Landratsamt umgebaut wird, dann hat das eine ganz andere Wirkung, als wenn ein Firmensitz erweitert wird. Häufig sind viele unterschiedliche Zuständigkeiten und Interessen – auch mittelbare – zu berücksichtigen und einzubinden. Die jeweiligen Gremien haben eine wichtige Scharnierfunktion. Nutzen und Risiken werden vergesellschaftet.

Ein wesentlicher Unterschied zur Beratung privater Unternehmen besteht also im Zustandekommen von Entscheidungen. Ein weiterer, nicht unwesentlicher Unterschied liegt sicherlich in einem erhöhten Aufwand für „Übersetzung“, Vermittlung und Erklärung.

Ein Wort noch zu negativen Klischees vom Muff in den Amtsstuben: Nach meiner Erfahrung bildet das die absolute Ausnahme. Die Arbeit ist im Gegenteil häufig von einer ordentlichen Portion Idealismus, aber auch Pragmatismus geprägt. Eine hochinteressante und angenehme Mischung.

Inwieweit haben sich Ihre Erwartungen an die Tätigkeit im öffentlichen Recht erfüllt? Gab es Aspekte, die Sie überrascht oder besonders gefordert haben?

Es ist ein herausfordernder Traumjob.

Die Motivation liegt darin, konkrete Möglichkeiten zu schaffen und konstruktiv mit Hindernissen und Bedenken umzugehen. Die Emotionalität mancher Debatten kann frustrieren. Gelegentlich bringt mangelnde Deckungsgleichheit von Fachlichkeit und Hierarchie zusätzliche Komplexität. Das Bild vom stolzen Tiger, der kraftvoll abspringt und als Bettvorleger landet, kann als Mahnung dienen, dass wir als Berater:innen von Anfang an die politische Umsetzbarkeit mitdenken müssen, damit der Tiger eben kraftvoll landet.

In der Summe überwiegen klar die positiven Seiten: Projekterfolge verändern ganz real die Lebenswirklichkeit der Menschen vor Ort. Daran mitwirken zu dürfen, ist einfach toll. Es ist eine sinnstiftende Arbeit.

Wo liegen aktuell die größten Herausforderungen in der Beratung des öffentlichen Sektors?

Vielleicht in der Art, wie neue Gesetze zustande kommen und bestehende Gesetze reformiert werden. Häufig wird ein Gesetz mehrfach in einer Legislatur geändert. Die Schnittstellen von EU, Bund und Land bringen Komplexität. Und es ist keine Seltenheit mehr, dass – parallel zum Inkrafttreten einer neuen Regelung – von offizieller Seite ein FAQ oder eine Handreichung veröffentlicht wird. Manchmal fragt man sich dann, warum es nicht gleich so im Gesetz steht, wie es gemeint sein soll. Oder man wünscht sich Maßnahmen statt Zieldefinitionen…

Welche fachlichen und persönlichen Kompetenzen sind für eine erfolgreiche Tätigkeit in diesem Bereich besonders wichtig?

Der sprichwörtliche Blick über den Tellerrand, kombiniert mit der Fähigkeit, intensiv in filigrane Regelungsgeflechte einzutauchen, sie zu durchdringen und fruchtbar zu machen. Es ist keine Tätigkeit für das stille Kämmerlein, den Elfenbeinturm oder Einzelkämpfer.

Wie schätzen Sie die Zukunftsaussichten für Berufseinsteiger:innen im öffentlichen Recht ein?

Der Rechtsstaat braucht Verbündete, und ich halte die Zukunftsaussichten für solide. Es handelt sich zwar um eine Nische – aber um eine, in der man durchaus einen Platz finden kann.

Welchen konkreten Rat würden Sie Nachwuchsjurist:innen geben, die sich für eine anwaltliche Tätigkeit im öffentlichen Sektor interessieren?

Mein Tipp: die Augen offen halten, Perspektivwechsel üben und den Horizont erweitern.

Das kann sowohl über eine große Bandbreite mit möglichst vielen unterschiedlichen Tätigkeiten, Praktika oder Behördeneinblicken gelingen als auch beispielsweise durch ein enges Umkreisen und tiefes Erforschen ganz unterschiedlicher Aspekte einer sehr klar abgegrenzten juristischen „Orchidee“.

Entscheidend sind Begeisterung, Offenheit und Interesse.

Vielen Dank für das Interview und die Zeit, Frau Tiesler!


Finde jetzt die passende Kanzlei für dein Referendariat oder deinen Berufseinstieg!

Highlights und Stellenangebote für dich…

Wir legen großen Wert darauf, dich in allen Phasen der juristischen Laufbahn bestmöglich zu begleiten. Daher findest du hier spezielle Empfehlungen, die sich an den unterschiedlichen Ausbildungsphasen orientieren:

Weitere Artikel

Das Stipendium von e-fellows.net und die frühe Karriereplanung

Dirk Veldhoff berichtet über seine persönlichen Erfahrungen mit dem Stipendium von e-fellows.net. Er geht dabei auf die Förderleistungen ein, beschreibt das Bewerbungsverfahren und zieht ein persönliches Fazit.

Rhetorik in der juristischen Ausbildung

Rhetorik in der juristischen Ausbildung

Dieser Beitrag erörtert die Fragen nach der Bedeutung der Rhetorik für die Juristenausbildung, welche Vorteile sich gewinnen lassen und worin genau der Nutzen des Debattieren liegt, sei es im Hinblick auf das juristische Studium oder auch ungeachtet dessen.

Stipendien: Wo, wie und warum?

Stipendien: Wo, wie und warum?

Dieser Beitrag beleuchtet, welche Möglichkeiten Stipendien bieten und worauf bei der Vergabe von Stipendien geachtet wird.