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Neun Monate Anwaltsstation – doch welche Kanzleiart ist die richtige für mich?

Die Anwaltsstation prägt das juristische Referendariat wie keine andere Station. Referendar:innen verbringen ganze neun Monate der zweijährigen Referendariatszeit in einer Kanzlei – doch welche Kanzleiart passt am besten zu den eigenen Erwartungen? Boutique, mittelständische Kanzlei oder Großkanzlei bieten jeweils unterschiedliche Schwerpunkte, Arbeitsweisen und Unterstützungsangebote. Der Artikel stellt zentrale Aspekte der Anwaltsstation vor und hilft dabei, die Unterschiede einzuordnen, um eine fundierte Entscheidung für den passenden Stationsort zu treffen.

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Neun Monate Anwaltsstation – doch welche Kanzleiart ist die richtige für mich?

Die Anwaltsstation macht mit einer Dauer von neun Monaten mit Abstand den größten Teil des juristischen Referendariats aus. Ein dreiviertel Jahr verbringen die Referendar:innen mit dem Arbeitsalltag in einer Kanzlei. Dabei steht es den Auszubildenden grundsätzlich frei, in welcher Kanzlei sie ihre Station absolvieren wollen. Neben der Frage, welches Rechtsgebiet persönlich spannend sein könnte, stellt sich vor allem die Frage der passenden Kanzleiart. Boutique, Mittelstand oder doch die Großkanzlei? Dieser Artikel beleuchtet einige zentrale Aspekte der Anwaltsstation, um die Entscheidung für die passende Kanzleiart vielleicht ein wenig erleichtern zu können

Unterstützung in der Examensvorbereitung

Großkanzleien zeichnen sich insbesondere durch eine umfassende Unterstützung der Referendar:innen bei der Examensvorbereitung aus und sind den mittelständischen Kanzleien und Boutiquen dabei im Hinblick auf Klausurenkurse und Seminare voraus. Dies gilt jedoch nicht für das Aktenvortragstraining – ein solches wird unabhängig von der Kanzleigröße überall in ähnlichem Umfang angeboten. 

Die Anwaltsstation ist die letzte Pflichtstation vor den schriftlichen Examensprüfungen. Unmittelbar nach ihrem Ende beginnen die Examensklausuren, was die Auszubildenden vor die Frage stellt, wann und wie sie dem Lernstoff neben der Arbeit in der Kanzlei ausreichend nachkommen können. Hier bieten viele Kanzleien die Möglichkeit, die Anwaltsstation in Teilen als Zeit für die Examensvorbereitung zu nutzen. Die Referendar:innen dürfen sich hier nach einiger Zeit weitgehend aus der tatsächlichen Arbeit in der Kanzlei zurückziehen. Ein wertvolles Angebot, um sich vollständig auf die Vorbereitung konzentrieren zu können. Die aktive Kanzleiarbeit konzentriert sich deshalb überwiegend auf den Beginn der Station. Die nachfolgenden Angaben beziehen sich vor diesem Hintergrund auf den durchschnittlichen Kanzleiarbeitsaufwand pro Woche über die gesamte Dauer der Anwaltsstation, der sich aus der Verrechnung der aktiven Phase und der Examensvorbereitungsphase ergibt.

Vor allem in Boutique-Kanzleien besteht im Durchschnitt die Möglichkeit, sich an bis zu drei Arbeitstagen die Woche der Examensvorbereitung zu widmen. In Großkanzleien ist die Chance allgemein höher, zumindest an durchschnittlich zwei Wochenarbeitstagen der Kanzleiarbeit weitgehend fernzubleiben. In mittelständischen Kanzleien ist die Chance, sich an durchschnittlich zwei Arbeitstagen pro Woche der Examensvorbereitung widmen zu können, hingegen etwas geringer.

In puncto Stressbewältigung und mentaler Gesundheit sind Großkanzleien die beste Adresse. Dort werden fast überall strukturierte Angebote für die Stressbewältigung bereitgehalten. Gleichwohl ist zu berücksichtigen, dass das Arbeitsumfeld in Großkanzleien aufgrund der insgesamt höheren durchschnittlichen Wochenarbeitszeit – die Zeiten der reinen Examensvorbereitung außer Acht gelassen – potenziell auch mit einer höheren Belastung einhergeht als in mittelständischen Kanzleien oder Boutiquen.

Einbindung in die Anwaltspraxis

Als Referendar:in ist das Interesse zumeist groß, möglichst früh aktiv in die Vertretung von Mandant:innen einzusteigen, um den eigenen praktischen Erfahrungsschatz zu erweitern. Wer von diesem „learning by doing“ im Referendariat größtmöglich profitieren möchte, ist in einer Boutique-Kanzlei am besten aufgehoben. Hier besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, schnell aktiv an Mandantengesprächen teilzunehmen und die Mandant:innen im Anschluss auch aktiv vor Gericht zu vertreten. In mittelständischen Kanzleien ist diese Chance etwas seltener – zumindest die bloße Teilnahme an Gesprächen und Gerichtsterminen wird aber nahezu überall schnell ermöglicht. Großkanzleien bieten die Möglichkeiten aktiver Vertretung am wenigsten an. 

Wem im anwaltlichen Tagesgeschehen ein:e persönliche:r Mentor:in besonders wichtig ist, der ist in jedweder Kanzleiart gut aufgehoben. Gegebenenfalls besteht sogar die Möglichkeit, zwei oder mehr Mentor:innen an die Hand zu bekommen. Ein zeitnahes Feedback zu den erledigten Aufgaben – in der Regel innerhalb von 48 Stunden – ist ebenfalls genereller Standard, wobei man hier in der Boutique am meisten profitieren kann. Klare Aufgabenstellungen für die Referendar:innen sind in allen Kanzleien die Basis für einen strukturierten Ablauf der Anwaltsstation. Gleiches gilt für ein Abschlussgespräch am Ende der Station – wobei man ein solches vor allem in den mittelständischen Kanzleien und Boutiquen garantiert bekommt. 

Ebenfalls scheint es für eine:n Referendar:in häufig wichtig, im Laufe der Anwaltsstation möglichst viele Praxisbereiche kennenlernen zu können. Hier stehen die Chancen in einer Boutique am besten, dicht gefolgt von den mittelständischen Kanzleien.

Zusatzleistungen

Möchte man sich während der Station per Seminar weiterbilden, so finden sich passende Angebote am häufigsten in Großkanzleien. Kommentare oder Gesetzestexte für das Examen von der jeweiligen Kanzlei gestellt zu bekommen, gehört hingegen nirgends so richtig zum Standard. Gesetzestexte werden – wenn überhaupt – allerdings durchweg häufiger als Kommentare gestellt. Am ehesten findet sich dieses Angebot in der Großkanzlei.

Die Veranstaltung von Social Events sind mittlerweile kanzleiunabhängiger Standard geworden. Wer das soziale Miteinander der Referendar:innen untereinander darüber hinaus besonders wertschätzt, ist in einer Großkanzlei genau richtig – hier gehören regelmäßige Zusammentreffen in Form von Referendarstammtischen zur festen Kanzleikultur.

Für den sportlichen Ausgleich zur Arbeit in der Kanzlei sollte man sich am ehesten nach einer Großkanzlei umschauen. Hier sind zusätzliche Benefits wie finanzierte externe Sportmitgliedschaften (z. B. Urban Sports) weit verbreitet. Die Möglichkeit, von internen Sportangeboten Gebrauch zu machen, bietet sich sowohl in Groß- als auch mittelständischen Kanzleien ebenfalls häufig an. 

Der sogenannte Obstkorb sollte heutzutage in (juristischen) Unternehmen von gewisser Größe eigentlich selbstverständlich sein. Tatsächlich ist ein solcher jedoch vorwiegend in Boutique-Kanzleien standardmäßig zu finden. Hingegen wird er in Groß- und mittelständischen Kanzleien zwar häufig, jedoch nicht überall angeboten. Kostenlose Getränke während der Arbeitszeit bekommt man so gut wie garantiert. Kostenlose Lunch-Angebote sind selten, am ehesten aber in Boutique-Kanzleien zu finden. 

Fazit

In welcher Kanzlei man seine Anwaltsstation am besten bestreitet, hängt vor allem von den eigenen individuellen Präferenzen ab. Boutiquen eignen sich besonders für Referendar:innen, die eine enge Betreuung, frühe praktische Verantwortung und einen vertieften Einblick in ein Spezialgebiet suchen. Mittelständische Kanzleien bieten oft den besten Kompromiss aus praxisnaher Mitarbeit, persönlichem Kontakt und gleichzeitig ausreichender Flexibilität für die Examensvorbereitung. Sich für eine Großkanzlei zu bewerben, ergibt vor allem dann Sinn, wenn man Wert auf eine begleitete Examensvorbereitung in Form von Klausurenkursen und Seminaren legt. Dort kann es jedoch trubeliger und anonymer zugehen, als bei den anderen beiden Kanzleiarten. Insgesamt lohnt es sich definitiv, sich frühzeitig Gedanken über den persönlich passenden Stationsort zu machen – es kann der eigenen beruflichen Zukunft nie schaden, bereits einen Fuß in der Tür zu haben.

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