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Journal / Legal Tech

Legal Tech – worauf setzen die Kanzleien?

Moderne IT-Dienstleistungen, die das juristische Arbeiten digitalisieren, technologisieren und automatisieren – kurz Legal Tech – sind weiter auf dem Vormarsch. Die Bandbreite, die die Kanzleien bereits jetzt auftischen, ist groß. Das Potenzial, das Legal Tech zukünftig haben kann, ist riesig.

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Legal Tech – worauf setzen die Kanzleien?

Beitrag aus unserer aktuellen Ausgabe des IUR50, 6. Auflage 2023

Webversion IUR50

Während in den USA Legal Tech bereits seit über einem Jahrzehnt im Studium und in den Universitäten fest verwurzelt ist, kann man sagen, dass langsam aber sicher Legal Tech auch in Deutschland angekommen ist. Einige Universitäten bieten zum Beispiel einen eigenen Legal Tech Schwerpunktbereich an. Die Universität Passau hat sogar einen eigenen Bachelorstudiengang “Legal Tech” eingerichtet, der eine rechtswissenschaftliche Ausbildung mit zentralen Elementen der Wirtschaftsinformatik verbindet. Hier tut sich also etwas. Doch wie sieht das Bild in den Anwaltskanzleien in Deutschland aus? Auf wie viel “Tech” setzen diese tatsächlich?

Legal Technology oder kurz Legal Tech bedeutet im weitesten Sinne die Digitalisierung des juristischen Arbeitens. Darunter werden regelmäßig modernste IT-Systeme und Programme gefasst, die in irgendeiner Weise das juristische Arbeiten unterstützen.

Der Gewinner unseres diesjährigen Rankings im Bereich Legal Tech, die internationale Großkanzlei Hengeler Mueller, zeigt, wie effektiv modernes und innovatives Legal Tech in Arbeitsprozessen eingesetzt werden kann. Die Kanzlei verwendet beispielsweise eine KI-basierte Review-Plattform. Diese ermöglicht die Durchsicht großer Datenmengen innerhalb kürzester Zeit und schafft einen optimalen Überblick über den Projektfortschritt aller Beteiligten. Hengeler Mueller hat außerdem eine eigene Projektmanagement-Plattform, „HM Connect“, entwickelt. Diese bietet einen konsolidierten Überblick über den Stand eines Projekts in Echtzeit und optimiert Kommunikation und Abstimmung zwischen Projektbeteiligten – lange Telefonate und übermäßiger E-Mailverkehr gehören damit der Vergangenheit an.

Auch in der Großkanzlei Noerr wird die Digitalisierung, insbesondere durch Legal Tech, großgeschrieben. Der eigens geschaffene und dafür verantwortliche Bereich Digital Excellence, verfolgt mitunter eine Plattformstrategie. Es werden eine Reihe von zentralen digitalen Plattformlösungen eingesetzt, die den gesamten Legal Tech Bedarf der Kanzlei  weitestgehend abdecken – darunter eine Plattform zur KI-gesteuerten Datenanalyse, ein Tool zur Dokumentenautomatisierung sowie eine Kollaborationsplattform (NOERR TOGETHER), wo beispielsweise sämtliche Verfahrensbeteiligte jederzeit miteinander kommunizieren und auf das gemeinsame Ziel, der Klärung des Rechtsdisputs, hinarbeiten können. Wie innovativ und wertschöpfend die Arbeit des Digital Excellence für die tägliche Kanzleiarbeit bei Noerr ist, zeigt auch die Entwicklung eines Roboters, der im Rahmen eines Pilotprojekts entwickelt wurde und nun regelmäßig zum Einsatz kommt. Dieser Roboter garantiert jederzeit ein vollständiges und aktuelles Bild über den Verfahrensstand, indem er für die Mandanten in einem konkreten Mandatskomplex über eine Kooperationsplattform ein einsehbares und transparentes Abbild der Akte darstellt. So werden insbesondere die Assistenzen entlastet, da der händische Upload der Gerichtspost entfällt.

Die internationale Großkanzlei Eversheds Sutherland spielt im Bereich Legal Tech ebenfalls ganz vorne mit. Um konkreten Bedürfnissen der Mandanten zu entsprechen, werden KI-basierte Tools sowie Digital Assistance effizient genutzt. Beispielsweise können mittels einer Kombination aus einer Robotic-Process-Automation sowie KI-basierter Vertragsprüfung aus über 2.000 Verträgen mandatsrelevante Dokumente und Daten innerhalb kürzester Zeit identifiziert und herauskristallisiert werden. Nicht weniger effektiv ist die KI-gesteuerte Dokumentenautomatisierung von Eversheds Sutherland: In kürzester Zeit konnten für einen Mandanten 136 Verträge entworfen werden. Die Zeitersparnis? 70 Stunden Arbeit!

Die Großkanzleien haben also schon einiges an Legal Tech zu bieten. Doch auch in den Anwaltsboutiquen ist Legal Tech längst kein Fremdwort mehr. YPOG versteht sich als Kanzlei “born digital” und verschreibt sich seit jeher einem digitalen Workflow – herkömmliches, papierbasiertes Arbeiten soll bei YPOG nur noch eine untergeordnete Rolle spielen. Aber auch in den Legal-Tech-Bereich wird zunehmend investiert, so setzt die Kanzlei vermehrt auf KI-basierte Anwendungen und Programme. Die Anwaltsboutique hat eine eigene Legal-Tech-Einheit kreiert, “YSolutions”. In dieser Einheit werden softwarebasierte Rechtsdienstleistungen entwickelt und vertrieben und sie hilft Unternehmen dabei, regulatorische Hürden zu überwinden. Beispielsweise wird für die Unternehmen ein softwaregestützter Service angeboten, um sich in das Transparenzregister (gesetzlich verpflichtende Erfassung aller wirtschaftlich Berechtigten) einzutragen. Durch diese KI-basierte Software erfolgt die Erfassung, Dokumentation und Übermittlung an das Transparenzregister sowie ein laufendes Monitoring, um auch zukünftigen Rechtsentwicklungen gerecht zu werden.

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Großkanzlei

Hengeler Mueller

6 Standorte

2 Events

36 Jobs

Großkanzlei

Noerr PartGmbB

14 Standorte

4 Events

85 Jobs

5 Standorte

0 Events

0 Jobs

Anwaltsboutique

YPOG

3 Standorte

0 Events

0 Jobs

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Auf den Punkt gebracht: Entlastung, Zeitersparnis, Vereinheitlichung, Vereinfachung.

Durch die KI-Review-Plattform von Hengeler Mueller wird der Zeitaufwand für Routineaufgaben signifikant reduziert und durch „HM Connect“ kann die Kommunikation um ein Vielfaches erleichtert werden. Im Übrigen eröffnen Legal-Tech-Tools auch ganz neue und zusätzliche Dienstleistungen, die das Rechtsberatungsangebot des Legal-Tech-Spitzenreiters Hengeler Mueller erweitert. Hier werden zum Beispiel Tools verwendet, die tausende von Kundenverträgen analysieren und katalogisieren, eine Dienstleistung, die ohne die Nutzung von Legal Tech weder zeitlich noch wirtschaftlich umsetzbar wäre.

Ohnehin können durch Legal-Tech-Angebote der Kanzleien neue Mandanten gewonnen werden, eben solche, die nach technologischen und innovativen Lösungen suchen. Neue Zielgruppen werden insbesondere durch die “YSolutions”-Einheit von YPOG erschlossen. Sie erweitert das Portfolio der Mandantschaft und schafft “smarte” und technologiebasierte Lösungen für anwachsende Rechts- und Compliancefragen. So profitieren auch die YPOG-Mandanten von den Legal-Tech-Angeboten der Kanzlei, denn mit Erwerb der Tech-Software spart man nicht nur Zeit, sondern auch Kosten – eine individuelle Mandantenberatung nach Stundenhonorar ist in diesem Fall ein überholter Ansatz! 

Doch in erster Linie profitieren die Kanzleien, Anwälte und Support Functions von Legal Tech, KI & Co. Durch die Legal-Tech-Lösungen von Noerr und Eversheds Sutherland können ganze Verträge und Schriftsatzmuster in wenigen Klicks automatisiert erstellt werden. Dies führt zu erheblichen Effizienzsteigerungen in den jeweiligen Fachbereichen und sorgt darüber hinaus für eine einheitliche sowie hohe juristische Qualität. Mit NOERR TOGETHER können Verfahrensbeteiligte komfortabel miteinander kollaborieren und kommunizieren, was insbesondere auch die Transparenz gegenüber dem Mandanten und deren Inhouse Rechtabteilungen wesentlich steigert. Hier geht es also besonders um die effiziente und vereinfachte Zusammenarbeit mit der Mandantschaft und anderen Beteiligten sowie der Vereinheitlichung von internen Prozessen. Diese standardisierten und leicht nachvollziehbaren Arbeitsprozesse erhöhen die Beratungsqualität im Gesamten und kommen daher auch bei den Mandanten gut an.

Legal Tech ist auf dem Vormarsch! Die Nutzerzahl von Noerrs Kollaborationsplattform hat sich in diesem Jahr gegenüber dem Vorjahr auf 600 Nutzer verdoppelt. Auch die Automatisierung von Dokumenten wird sich bei Noerr regelmäßig zunutze gemacht. Seit 2022 wurden rund 1.300 ganzheitliche Rechtsdokumente mit wenigen Klicks erstellt.

Für Hengeler Mueller sind Legal-Tech-Tools ebenso elementarer und alltäglicher Bestandteil der Mandatsarbeit geworden. In administrativen, organisatorischen und vorbereitenden Bereichen sind derartige Tools effizienter, zuverlässiger und schneller als der Mensch, weswegen die Kanzlei alle beschäftigten Juristen zur Nutzung dieser Tech Tools ermutigt und umfassend schult. Dies ermöglicht einen stärkeren Fokus auf die eigentliche Rechtsberatung und die Erfüllung von individuellen Bedürfnissen der Mandanten.

Unsere Arbeitgeberumfrage hat deutlich gemacht, dass besonders in den Großkanzleien die Beschäftigten regelmäßig und umfassend mit dem Thema Legal Tech in Berührung kommen. Auch bei Eversheds Sutherland werden die Teams durch sogenannte Legal Technologists unterstützt, die sowohl juristische als auch technische Qualifikationen aufweisen und die die anwaltlichen Teams unterstützen, die Legal-Tech-Tools zu nutzen und korrekt anzuwenden. Mehrere Tech-Veranstaltungen sowie ein kanzleiinternes Tech-Ausbildungsprogramm sollen die technologische Weiterentwicklung aller Eversheds Sutherland Beschäftigten sicherstellen.

Legal Tech gehört also schon zum festen Alltagsprogramm der Kanzleien – vor allem, aber nicht nur in den Großkanzleien. Es entlastet die Beschäftigten und verbessert den Workflow insgesamt – kein Wunder also, dass viele Kanzleien großen Wert auf eine ausgiebige Auseinandersetzung mit dem Thema legen.

Die Kanzleien bieten eine ganze Palette an Legal-Tech-Angeboten und schwärmen von ihrem Nutzen. Doch sind Legal-Tech-Tools tatsächlich nur ein unterstützendes Mittel oder können sie ganze Arbeitsprozesse, vielleicht sogar das (menschliche) anwaltliche Arbeiten ersetzen?

Der Legal-Tech-Vorreiter Hengeler Mueller verneint letztere Frage. Die anwaltliche Arbeit kann nicht ersetzt werden. Aber sie kann entlastet werden. Denn genau darum geht es Hengeler Mueller mit dem Einsatz von Legal-Tech-Tools: Sie wollen ihre Anwälte nicht ersetzen, sondern deren kostbare Zeit effektiver gestalten. Indem Legal Tech ihnen eine Menge administrative und vorbereitende Aufgaben abnimmt, können sie sich auf den Kern der Mandatsarbeit konzentrieren: die Lösung von komplexen juristischen Fragestellungen und eine erstklassige Rechtsberatung der Mandanten.

Diese Auffassung teilt Noerr ebenfalls. Legal-Tech-Tools sind als Hilfsmittel für den Menschen zur Unterstützung und Entlastung gedacht und entwickelt worden. Sie können Arbeitsprozesse zeit- und kosteneffizienter gestalten und Workflows beschleunigen, aber im Endeffekt geht es um die Lösung individueller Probleme und Bedürfnisse mittels zwischenmenschlichen Kontakts; das kann kein Legal-Tech-Tool ersetzen.

Fazit

Man kann also ohne Zweifel sagen: Die Kanzleien setzen auf eine Menge “Tech” und das aus gutem Grund. Alle befragten Kanzleien, die Legal-Tech-Ansätze vorzuweisen haben, verzeichnen Zeit- und Kostenersparnisse, einen beschleunigteren und reibungsloseren Workflow und eine generelle Entlastung der Anwälte. Legal Tech spielt jedoch vornehmlich in den Großkanzleien bereits jetzt eine große Rolle. Dass Legal Tech längst noch nicht bei allen angekommen ist, zeigt unsere Arbeitgeberumfrage: Rund die Hälfte der befragten Kanzleien haben keine oder kaum Legal-Tech-Ansätze vorzuweisen. Jedoch werden auch die kleineren Kanzleien in der Zukunft kaum darum herumkommen, sich mit dem Thema eingehend zu beschäftigen, um steigende Erwartungen von Mandaten zu erfüllen und zeitgerechte Herausforderungen zu meistern. Dabei kann und soll Legal Tech die anwaltliche Arbeit nicht vollends ersetzen, es verschiebt aber die Grenzen einiger Kompetenzfelder: Weniger Routinearbeit, mehr Fokus auf die Rechtsberatung und die Lösung von herausfordernden Rechtsproblemen. Der Anwalt von morgen soll also weiterhin ein Mensch sein, aber eben einer, der mit technischen Tools umfassend unterstützt und entlastet wird, wenngleich es nicht zu übersehen ist, dass immer mehr Tätigkeitsfelder des Anwalts berührt werden. Das Potenzial, dass Legal Tech immer mehr den menschlichen Anwalt ersetzt, ist definitiv vorhanden – die Entwicklung bleibt spannend!


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