Berufsspecial Strafverteidiger

Berufsspecial

Strafverteidiger

Praxis

Gem. § 137 I StPO kann sich ein Beschuldigter* in jeder Lage des Strafverfahrens des Beistandes von bis zu drei Verteidigern bedienen. Der Strafverteidiger ist neben der Staatsanwaltschaft und dem Gericht ein unabhängiges, selbständiges Organ der Rechtspflege (vgl. § 1 BRAO). Ein Strafverteidiger wird entweder als Wahlverteidiger gem. § 138 StPO oder als Pflichtverteidiger gem. §§ 140 ff. StPO bestellt.

Wahlverteidiger

Wahlverteidiger werden – wie der Name bereits vermuten lässt – von ihrem Mandanten eigens zu ihrer Verteidigung ausgewählt. Strafverteidiger kann jeder Rechtslehrer an einer deutschen Hochschule mit der Befähigung zum Richteramt sein ebenso wie jeder Rechtsanwalt; die Qualifikation als Fachanwalt im Strafrecht ist keine Voraussetzung.

Gut zu wissen: Gem. § 139 StPO kann man bereits als Referendar in die Verteidigerrolle schlüpfen, wenn man seit mindestens 15 Monaten im Referendariat ist und der Wahlverteidiger die Verteidigung mit Zustimmung des Mandanten auf den Referendar überträgt!

Pflichtverteidiger

Unterlässt ein Beschuldigter es, innerhalb einer bestimmten Frist einen Verteidiger zu wählen und liegt ein Fall der „notwendigen Verteidigung“ gem. § 140 StPO vor (zB. wenn der Beschuldigte in U-Haft sitzt, bei Anklage eines Verbrechens, bei drohendem Berufsverbot), wird ein Pflichtverteidiger bestellt, vgl. §142 V 1 StPO. Dieser stammt aus dem Gesamtverzeichnis der Bundesrechtsanwaltskammer; dabei soll aus den dort eingetragenen Rechtsanwälten entweder ein Fachanwalt für Strafrecht oder ein anderer Rechtsanwalt, der gegenüber der Rechtsanwaltskammer sein Interesse an der Übernahme von Pflichtverteidigungen angezeigt hat und für die Übernahme der Verteidigung geeignet ist, ausgewählt werden, § 142 VI StPO. Die Übernahme der Pflichtverteidigung kann aber auch verweigert werden, vgl. § 145 I StPO.

In dubio pro reo

Als Strafverteidiger sollte man vertrauenswürdig sein und schnell agieren können. Eine gute Stressresistenz ist außerdem empfehlenswert, vor allem wenn es um Konfrontationen mit der Staatsanwaltschaft geht oder man mitten in der Nacht wegen eines Notrufs aus dem Schlaf geklingelt wird. Zwingend ist Professionalität: Ein Strafverteidiger muss in der Lage sein, für die Rechte des Beschuldigten einzutreten, unabhängig davon, ob er von dessen Schuld überzeugt ist oder nicht. Bis zur rechtskräftigen Verurteilung gilt die Unschuldsvermutung. Bis dahin ist allein entscheidend, was dem Mandanten nachweisbar ist, dass er ordnungsgemäß verteidigt wird und dass das Verfahren im rechtsstaatlichen Sinne erfolgt, wozu u.a. ein faires Verfahren, das Recht auf richterliches Gehör, der altbekannte „in dubio pro reo“ – Grundsatz sowie die Unparteilichkeit des Richters zählen. Der Strafverteidiger achtet darauf, dass diese Grundsätze im Strafverfahren in Bezug auf seinen Mandanten ebenso wie dessen sonstigen prozessualen Rechte und Pflichten gewahrt werden.

Wichtig ist es auch, sich auf die unterschiedlichsten Menschen einstellen zu können. Eine gesunde Portion Geduld ist ebenfalls nicht zu unterschätzen, da der Austausch mit dem Mandanten unter Umständen schwierig sein kann, wenn dieser keine genauen oder kaum Auskünfte geben möchte, die aber wichtig sind, damit es zu keinen „bösen Überraschungen“ während des Prozesses kommt und die Verteidigung ihre beste Wirkung entfalten kann. Hier kommt es auf kommunikatives Geschick an.

Tätigkeitsfelder eines Strafverteidigers

Das Tätigkeitsfeld des Strafverteidigers umfasst grds. das gesamte Spektrum des Kernstrafrechts aus dem StGB plus die lange Liste des Nebenstrafrechts, das in einzelnen Normen verschiedener Gesetzen zu finden ist wie zB. das Betäubungsmittelstrafrecht im BtMG, das Steuerstrafrecht bspw. in der AO und dem UStG oder das Umweltstrafrecht im UmweltHG. Auch die EMRK (insbesondere Art.6) kann relevant werden. Ebenso wie in anderen Rechtsbereichen auch, ist die Spezialisierung eines Verteidigers auf einzelne Bereiche des Strafrechts üblich.

Als Rechtsbeistand zur Verteidigung im Strafverfahren handelt der Strafverteidiger im (rechtmäßigen) Interesse seines Mandanten. Er informiert ihn über den Ablauf des Verfahrens, „führt“ ihn durch den Prozess und achtet auf die Einhaltung der formalen Voraussetzungen im Strafverfahren seitens der Polizei, Staatsanwaltschaft und des Gerichts: Lief die Vernehmung des Beschuldigten durch die Polizei ordnungsgemäß ab? Können daraus erlangte Beweise im Prozess verwertet werden oder liegt etwa ein Beweisverwertungsverbot vor? Wurden andere Beweise rechtswidrig erlangt?

Abhängig von den jeweiligen Umständen rät er seinem Mandanten, auszusagen oder sich auf seine Aussageverweigerungsrechte zu berufen, sich einzulassen oder ein Geständnis abzulegen, um etwa haftmildernde Umstände zu schaffen. Er stellt die notwendigen (Beweis-)Anträge, benennt und befragt im Rahmen der Hauptverhandlung Zeugen.

Er kann gem. § 475 StPO Akteneinsicht verlangen, so die Beweislage und damit die Chancen seines Mandanten einschätzen. Das hilft ihm etwa, den Ausgang des Verfahrens bzw. die Erfolgswahrscheinlichkeit seines Verteidigungsziels zu prognostizieren und ggf. seine bisherige Verteidigungsstrategie anzupassen. Als Verteidigungsziele können bei eher günstigen Umständen bspw. die Einstellung des Verfahrens oder ein Freispruch des Mandanten verfolgt werden. Liegen hingegen für den Beschuldigten ungünstige Umstände vor und ist ein Urteil zu seinen Lasten unabwendbar, ist es die Aufgabe des Strafverteidigers, für die Verhängung einer möglichst milden Sanktion (wie zB. eine Geldstrafe oder Bewährung) bzw. eines für die Tat angemessenen Strafmaßes zu sorgen.

Befindet sich der Beschuldigte in Haft, gehören auch Gefängnisbesuche zum Programm des Strafverteidigers: Er steht stets in mündlichem und schriftlichem Kontakt mit seinem Mandanten, ob dieser nun auf freiem Fuß ist oder nicht.

Berufschancen & Gehälter

Berufsaussichten - Was sind meine Möglichkeiten?

Das Strafrecht erfreut sich großer Beliebtheit. Es ist aufregend und selten kommt hier bei Juristen Langeweile auf! Als Strafrechtler kann man sich entweder einer hierauf spezialisierten Kanzlei anschließen, wobei insbesondere inzwischen die Großkanzleien eigene Strafrechtsabteilungen vorweisen können. Diese werden sich aber in der Regel eher dem Wirtschaftsstrafrecht widmen. Eine von vielen strafrechtlich ausgerichteten Juristen gewählte Alternative ist die des selbständigen Einzelanwalts. Auf der „gegnerischen“ Seite kommt die Position des Staatsanwalts in Betracht.

Gehaltsaussichten

Dass heutzutage auch die Großkanzleien Experten im (Wirtschafts-)Strafrecht einstellen, schlägt sich auch in den Gehältern nieder. Die Schere der Entlohnung für Strafrechtler in Kanzleien generell geht indes weit auseinander: Je nach Form sind hier Jahresgehälter in Höhe von 42.500€ bis zu 125.000€ möglich. Insgesamt liegt das Durchschnittsgehalt bei knapp 83.400€. In Boutiquen werden durchschnittlich 80.000€, in mittelständischen Kanzleien knapp 70.800€ pro Jahr gezahlt. Spitzenreiter sind die Großkanzleien mit einem jährlichen Bruttolohn von durchschnittlich knapp 108.000€.**

Gerade Strafverteidiger sind oft als selbständige Einzelanwälte anzutreffen. Grds. richtet sich ihre Vergütung unabhängig von der Kanzleiform nach dem Rechtsanwaltsvergütungsgesetz (RVG). Wahlverteidiger können darüber hinaus aber eine eigene Vergütungsvereinbarung mit ihrem Mandanten treffen. In diesem Falle wird das Mandat für den Verteidiger natürlich lukrativer sein als nach den gesetzlichen Gebührenregelungen. Da das in einer Vergütungsvereinbarung festgelegte Honorar sehr individuell ist und auch das Mandatsaufkommen eines Verteidigers für sein Gehalt eine wichtige Rolle spielt, kann für selbständige Einzelanwälte eine eindeutige Aussage zum jährlichen Bruttolohn schwer getroffen werden.

Für Pflichtverteidiger richtet sich die Vergütung ebenfalls nach dem RVG. Da ein Pflichtverteidiger im Falle der notwendigen Verteidigung unabhängig von der Solvenz des Beschuldigten bestellt wird, tritt der Staat hier in Vorleistung. Wird der Beschuldigte letztendlich verurteilt oder wird das Verfahren eingestellt, muss er dem Staat die Kosten erstatten, im Falle eines Freispruchs hingegen nicht.

Bildung

Fachanwaltstitel im Strafrecht

Aktuell sind bundesweit 3.643 Fachanwälte im Strafrecht verzeichnet, Tendenz steigend. Die zuständige Rechtsanwaltskammer, der der Rechtsanwalt angehört, verleiht nach Maßgabe der Fachanwaltsordnung (FAO) die Berechtigung zum Führen der Fachanwaltsbezeichnung. Voraussetzungen für diese Verleihung sind:

  • dreijährige Zulassung und Tätigkeit innerhalb der letzten sechs Jahre vor Antragstellung (§ 3 FAO)
  • Antragstellung bei der zuständigen Rechtsanwaltskammer (§ 22 FAO)
  • Nachweis besonderer theoretischer Kenntnisse (§§ 4, 4a, 6 FAO)
  • Nachweis besonderer praktischer Erfahrungen (§§ 5, 6 FAO)

Hinzu kommt gem. § 13 FAO, dass der Rechtsanwalt, der den Fachanwaltstitel führen will, besondere Kenntnisse in diesen Gebieten nachweisen muss:

  • Methodik und Recht der Strafverteidigung
  • Grundzüge der maßgeblichen Hilfswissenschaften
  • Materielles Strafrecht inkl. Jugend-, Betäubungsmittel-, Verkehrs-, Wirtschafts- und Steuerstrafrecht
  • Strafverfahrensrecht inkl. Jugendstraf- und Ordnungswidrigkeitsverfahren sowie Strafvollstreckungs- und Strafvollzugsrecht

Promotion und LL.M. im Strafrecht

Auch in diesem vielseitigen Berufsfeld besteht die Möglichkeit zu promovieren oder einen Master of Laws zu erwerben. Letzteres ist bspw. an der Universität Osnabrück möglich, wo das Masterprogramm auf 2 Semester bzw. 12 Monate ausgelegt ist (Kosten: 2.500€). Die Université du Luxembourg bietet den zweijährigen Master „Europäisches Wirtschafts- und Finanzstrafrecht“ für 200€ pro Semester an. An der österreichischen Donau-Uni Krems kann der Master „Strafrecht, Wirtschaftsstrafrecht, Kriminologie“ absolviert werden. Auch dieser dauert 2 Jahre bzw. 4 Semester und geht mit einer Gebühr von 11.900€ einher.

Eine Vielzahl der ausländischen Universitäten bietet ebenfalls ein LL.M.-Programm zum „Criminal Law“ an, wie beispielsweise die University At Buffalo Law School in den USA, die Universities of Birmingham, Leeds und Sussex in Großbritannien (Kosten: 21.500 bis 22.500€) oder die University of Edinburgh in Schottland (Kosten: 14.000€). Eine kostengünstigere Alternative wäre der einjährige Master „Global Criminal Law” an der Universität Groningen in den Niederlanden, der unter anderem die Finanz- und organisierte Kriminalität beinhaltet (Kosten: 2.150€).

Der Vorteil eines LL.M. in Deutschland, den Niederlanden, Luxemburg oder Österreich besteht definitiv in den im Vergleich zu England, den USA und Schottland günstigeren Kosten. Ein Nachteil ergibt sich daraus, dass der Blick über den „deutschen juristischen Tellerrand“ kaum hinausgeworfen wird und die eigenen Fremdsprachenkenntnisse währenddessen wohl eher selten erweitert werden (ausgenommen der LL.M.-Programme in Luxemburg und den Niederlanden).

*Aus Gründen der Leserlichkeit wird das generische Maskulinum verwendet; es sind alle Geschlechter gemeint.
** basierend auf unserer Umfrage von 92 Kanzleien.

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