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Der Start ins Referendariat zu Zeiten von Corona (Teil 1)

Wie das Referendariat während der Corona-Pandemie abläuft, mag für so manch einen ungewiss sein. Um hier Licht ins Dunkel zu bringen, haben wir Referendare bezüglich ihrer Erfahrungen zum Start in den juristischen Vorbereitungsdienst zu Zeiten von Corona befragt.

Die Situation ist für uns alle eine Herausforderung und jeder gibt sein Bestes.

Ein Erfahrungsbericht zur Zivil- und Strafrechtsstation

Seit Beginn der Corona-Pandemie hat sich einiges geändert. In vielerlei Hinsicht musste umdisponiert und eine Alternative zu den gewohnten Arbeitsweisen gefunden werden. Dies gilt auch für die Ausbildung angehender Juristen. Das Referendariat ist recht verschult und erfordert grundsätzlich die Anwesenheit vor Ort, sei es in der Arbeitsgemeinschaft, während der Probeklausuren, im Rahmen von Verhandlungen am Gericht und Besprechungen mit dem ausbildenden Richter oder wo auch immer man gerade seine Station absolviert. So manch einer, der kurz vor dem Antritt seines Referendariats steht, wird diesem mit einem mulmigen Gefühl entgegensehen. Es mag ungewiss erscheinen, was auf einen zukommt, wie der Anschluss in der AG sein wird und was im Rahmen der Stationen möglich ist. Dieser Beitrag soll dieser Ungewissheit – zumindest für die ersten Monate des Referendariats – Abhilfe schaffen. Wir haben Referendare gefragt, die im letzten Jahr in den juristischen Vorbereitungsdienst gestartet sind. Sie haben ihre Erfahrungen mit uns geteilt.

Vorweg sei gesagt: Die Aussichten sind alles in allem gut! Natürlich kann nicht alles ersetzt werden und es hängt immer von der jeweiligen Stelle ab, bei der man sein Referendariat absolviert. Jedenfalls die Ausbildungsgerichte scheinen aber gut umdisponiert zu haben.

Die 24-jährige Referendarin Johanna startete im Juli 2020 im OLG-Bezirk Düsseldorf in den juristischen Vorbereitungsdienst. Das ihr zugewiesene Ausbildungsgericht ist das LG Düsseldorf. Aktuell befindet sie sich am Ende der Strafrechtsstation bei der Staatsanwaltschaft. Sie erzählte uns in einem Interview, wie das Referendariat bisher bei ihr abgelaufen ist.

I. Zivilrechtsstation

iurratio: Wie lief der Einführungslehrgang zu Beginn der Zivilrechtsstation ab? Online, präsent, gemischt? Wenn präsent, welche Vorkehrungen wurden getroffen?
(Anmerkung: Der Einführungslehrgang zu Beginn der Zivilrechtsstation erstreckt sich in NRW über den ersten Monat der Station.)

Johanna: Wir hatten zunächst eine Einführungsveranstaltung vor Ort im Landgericht, aufgeteilt in zwei Gruppen à 12 Leute, bei der wir einzeln und versetzt an Tischen saßen. Der Einführungslehrgang erfolgte dann Online über die Plattform Edudip. Unsere AG-Leiter schalteten im Wechsel 4 bis 5 Person zu, die dann mit Bild zu sehen waren und sich beteiligen konnten.

iurratio: Wie wurden die AG und die Klausuren organisiert bzw. abgehalten?

Johanna: Ab August wechselten wir dann in den Präsenzunterricht. Vorkehrungen dabei waren eine Maskenpflicht außerhalb des Raumes, Desinfektionsmittelspender, Trennwände zwischen den Sitzplätzen und eine feste Sitzordnung nach Alphabet. Für den November ging es dann wieder zurück in den Online-Unterricht.

iurratio: Wie wurde die Zeit beim Einzelrichter organisiert und wie lief diese ab?

Johanna: Die Ausbildung beim Einzelrichter am Amtsgericht lief bei mir relativ normal ab. Wir trafen uns einmal die Woche zur Besprechung neuer Aufgaben und ich konnte ein paar Verhandlungen beiwohnen. Durchgehend gab es eine Maskenpflicht innerhalb des Gerichts, wobei wir die Masken bei Besprechungen im Büro und während der Verhandlungen auszogen. Zum Ende der Station hin behielten wir die Masken dann immer an.

II. Strafrechtsstation

iurratio: Wie lief der Einführungslehrgang zu Beginn der Strafrechtsstation ab?
(Anmerkung: Der Einführungslehrgang zu Beginn der Strafrechtsstation erstreckt sich in NRW über die erste Woche der Station.)

Johanna: Dieser Einführungslehrgang erfolgte wieder durchgehend über die Online-Plattform.

iurratio: Wie wurde die AG organisiert bzw. abgehalten?

Johanna: Die gesamte AG findet bisher ebenfalls ausschließlich Online statt. Im Wechsel nutzt unser AG-Leiter die Meeting-Raum-Funktion, bei der alle Teilnehmer zu sehen sind, wobei es jedoch öfters technische Probleme gibt, und ansonsten erfolgt die AG im „Frontal-Unterricht“. Für Nachfragen können die Teilnehmer in den Chat schreiben und werden dann evtl. einzeln dazu geschaltet.

iurratio: Wie wird die Zeit beim Staatsanwalt organisiert und wie läuft diese ab?

Johanna: Den Ausbilder sehe ich ca. einmal die Woche persönlich vor Ort in der Staatsanwaltschaft zur Besprechung von Aufgaben, Vorbesprechung der Handakten für den Sitzungsdienst und zur Nachbesprechung.

iurratio: Wie läuft der Sitzungsdienst ab? Welche Änderungen gibt es hier?

Johanna: Den ersten Sitzungsdienst hatten die Teilnehmer meiner AG erst im Zeitraum ab Mitte Januar (also ca. 6 Wochen nach Beginn der Station), wobei meine ersten Termine am AG Düsseldorf ausfielen. Den ersten Sitzungsdienst hatte ich dann Ende Januar in Neuss. Die meisten Verhandlungen scheinen seit dem zweiten Lockdown auszufallen, sodass bei uns momentan allgemein weniger Sitzungsdienste abgeleistet werden müssen als normalerweise.

Zu Beginn der Station hatten wir allerdings noch zwei sog. „Pflichtsitzungen“, bei denen wir eine Amtsanwältin zu ihren Verhandlungen begleiteten und so schon einmal einen ersten Eindruck vom Ablauf einer Hauptverhandlung erhielten.

III. Näheres zur Arbeitsgemeinschaft

iurratio: War es leicht, trotz der Kontaktbeschränkungen Kontakt zu deinen AG-Kollegen aufzubauen?

Johanna: Da unser Referendariat im Sommer noch vor dem Lockdown begann, konnten wir uns am Anfang noch gut persönlich kennenlernen. Es gab zwar bereits die Beschränkung auf 10 Personen in der Gastronomie; wir konnten aber trotzdem mal etwas gemeinsam trinken gehen, mussten uns dann nur eben auf mehrere Tische aufteilen.

iurratio: Wie ist das Gemeinschaftsgefühl in deiner AG? Hast du das Gefühl, dass das stark unter den aktuellen Maßnahmen leidet und sonst deutlich besser wäre?

Johanna: Wir haben uns am Anfang sehr gut verstanden in der Gruppe und auch teilweise mehrmals in der Woche zusammen etwas gegessen, getrunken oder Sport gemacht. Seit wir uns wieder in im Online-Unterricht befinden, ist der Kontakt weniger geworden, da wir uns ja auch nicht mehr alle gemeinsam persönlich treffen können. Ich denke, ohne die aktuellen Maßnahmen hätte sich der Zusammenhalt weiter super entwickelt und wir würden uns auch jetzt noch regelmäßig treffen. So hat sich die AG eher in viele kleine Gruppen (meistens die Lerngruppen) aufgeteilt, innerhalb derer ein Gemeinschaftsgefühl aber besteht.

iurratio: Wie ist der Austausch untereinander (neben dem Referendariat), wenn man sich überwiegend nur online sieht?

Johanna: Wir haben weiterhin eine Whats-App-Gruppe, in der wir uns nur noch über wichtige organisatorische Punkte und während der AG-Stunden z.B. über technische Probleme austauschen. Mit den Leuten aus meiner Lerngruppe tausche ich mich auch so fast jeden Tag über unsere aktuellen Erfahrungen bei den Ausbildern und auch über Privates aus.

iurratio: Was ist der Plan bzgl. der Ref-Fahrt deiner AG? Wurde sie abgesagt, gibt es eine Online-Ersatzveranstaltung oder Ähnliches?

Johanna: Wir hatten am Anfang ein Komitee für die Organisation einer Ref-Fahrt gewählt, die dann leider aufgrund der Maßnahmen nicht stattfinden konnte. Bisher haben wir keine neuen Pläne gemacht.

IV. Zukünftige Stationen

iurratio: Wie läuft die Planung für die anderen Stationen? Ist es aktuell schwerer, einen Platz zu finden?

Johanna: Die Verwaltungsstation konnte ich zum Glück noch im Sommer festmachen. Einen Platz in Berlin habe ich recht einfach gefunden. Eigentlich wäre ich aber auch sehr gerne ins Ausland gegangen, z.B. nach Brüssel, habe den Plan dann aber aufgrund des Risikos, am Ende ganz ohne Platz dazustehen, auf Eis gelegt. Ich hoffe, dass die Wahlstation dann aber wieder im internationalen Bereich sicher stattfinden kann. Da habe ich bisher noch keine Stelle fix, weil ich eben erst einmal noch etwas abwarten möchte, wie sich das in der nächsten Zeit entwickelt und es ist ja noch etwas Zeit bis dahin. Einen Platz für die Anwaltsstation habe ich ohne Probleme in einer Kanzlei hier in Düsseldorf bekommen.

iurratio: Musstest du im Rahmen einer Station umdisponieren, weil du diese zB. aktuell (eventuell) nicht im Ausland absolvieren kannst und wenn ja, was ist deine Alternative?

Johanna: Wie bereits erwähnt, habe ich mich bei der Verwaltungsstation direkt für eine Stelle im Inland entschieden, um dem Risiko vorzubeugen.

V. Lernen

iurratio: Wie disponierst du angesichts des fehlenden Zugangs zu Bibliotheken und Seminaren um?

Johanna: Ich recherchiere momentan nur über Beck-Online, wobei in der Regel aber auch die herkömmlichen Kommentare reichen, die ich mir gekauft habe. Während des Studiums war ich eher ein „Bib-Lerner“, habe mich nun aber auch gut an die Arbeit Zuhause gewöhnt, auch wenn es am Anfang eine Umstellung war. Insbesondere hat ja auch nicht jeder eine ausreichend ruhige Wohnung mit der erforderlichen Ausstattung, um sich hinreichend auf die Nacharbeit konzentrieren zu können.

iurratio: Bist du Teil einer Lerngruppe? Wenn ja, wie haltet ihr diese ab?

Johanna: Ja. Wir lösen einmal pro Woche eine Klausur über Skype. Abwechselnd bereitet immer einer den Fall vor und leitet die anderen dann bei der Lösung an.

iurratio: Hast du das Gefühl, aktuell schlechter vorbereitet zu werden, als es der Fall ohne Corona wäre?

Johanna: Persönlich hilft mir die AG im Online-Format viel weniger als in Person. Natürlich hat man auch mehr Zeit für sich, um in Ruhe nachzuarbeiten und sich auf das Examen vorzubereiten. Das wird dann aber wieder dadurch relativiert, dass man sich auch viel im Selbststudium bzw. in der AG selbst erarbeiten muss. Fragen muss man sich häufig selbst beantworten und es erfordert meiner Meinung nach noch mehr Disziplin, am Ball zu bleiben, was ja im Jurastudium ohnehin schon ein wichtiges Erfordernis ist. Mit der Lerngruppe habe ich wenigstens eine Anlaufstelle für Fragen, aber insgesamt ist man doch mehr auf sich alleine gestellt als unter normalen Umständen.

VI. Organisation seitens des Ausbildungsgerichts

iurratio: Hast du einen konkreten Ansprechpartner für Fragen, die Organisation des Referendariats generell betreffend? Ist diese durch Corona unübersichtlich geworden? Wie ist da der Informationsfluss seitens des OLG/ Ausbildungsgerichts?

Johanna: Die Referendarsabteilung des LG Düsseldorf ist telefonisch in der Regel gut zu erreichen und auch die Staatsanwaltschaft Düsseldorf. Wir werden per E-Mail über Neuerungen informiert und bleiben so auf dem Laufenden. Ich denke, in dieser Hinsicht hat sich durch Corona bei uns nicht viel geändert, da das System allgemein erst mal durchblickt werden muss und viel eigenständige Organisation erfordert.

iurratio: Wie empfindest du die Umsetzung der Corona-Maßnahmen im Rahmen des Referendariats? Hättest du Verbesserungswünsche?

Johanna: Meiner Meinung nach ist es sehr ärgerlich, dass all die Schutzvorkehrungen wie Trennwände/Desinfektionsgeräte etc. wahrscheinlich mit hohem finanziellen Aufwand angeschafft wurden und nun ungenutzt bleiben. Die Durchführung der AG in Präsenz hat so sehr gut funktioniert. Auch ist mir kein Corona-Fall in unserer AG während der Monate von August bis Oktober bekannt geworden und ich denke, wir hätten auch weiterhin so fortfahren können.

Auf der anderen Seite wird die Verantwortung für diese Entscheidung aber nicht bei unserem Ausbildungsgericht liegen, sondern bei der Bundes- bzw. Landesregierung. Das OLG hat den Umständen entsprechend alles ihm Mögliche getan. Insbesondere kann man von den AG-Leitern nicht erwarten, dass sie sich über Nacht an die Eigenheiten des Online-Unterrichts gewöhnen und diesen genauso effektiv organisieren wie den Präsenzunterricht. Die Situation ist für uns alle eine Herausforderung und jeder gibt sein Bestes.

iurratio: Möchtest du denjenigen, die kurz vor dem Antritt ihres Referendariats stehen, etwas mit auf den Weg geben?

Johanna: Wahrscheinlich fragt ihr euch, ob und wie ihr eure AG-Kollegen kennenlernen könnt und habt manchmal Angst, das alles ganz alleine durchstehen zu müssen. Ich denke, ihr könnt aber sicher sein, dass es gerade allen aus eurer AG so geht und das Interesse, soziale Kontakte zu knüpfen in dieser schwierigen Zeit sogar größer ist als sonst. Falls ihr die Möglichkeit habt, euch bei einer Einführungsveranstaltung zumindest kurz kennenzulernen, nutzt einfach die Gelegenheit und sprecht direkt jemanden an, der euch sympathisch scheint, ob ihr z.B. eine Lerngruppe gründen wollt. Das wird bestimmt klappen! Und ansonsten fragt einfach den AG-Leiter in der Online-AG, ob alle einmal ihre Handynummer in den Chat schreiben können, sodass ihr eine Gruppe gründen könnt. Und dann geht das mit dem Kontakte-Knüpfen ganz von alleine.

iurratio: Vielen Dank Johanna für deine Auskünfte! Wir wünschen dir viel Erfolg für den weiteren Verlauf deines Referendariats und das 2. Staatsexamen!

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Hier geht´s zu einem Erfahrungsbericht über das Referendariat zu Zeiten von Corona in der Zivilrechtsstation (Teil 2).

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