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Kreis 74. e.V. - Straffälligenhilfe Bielefeld - ein soziales Projekt mit Vorbildcharakter

Wir haben die Straffälligenhilfe Kreis 74 e.V. aus Bielefeld entdeckt und möchten euch heute über die ehrenamtliche Arbeit mit Strafgefangenen und ihren Angehörigen berichten. Dafür haben wir Norbert Schaldach vom Kreis 74. e.V. befragt.

Kreis 74 e.V.- Straffälligenhilfe Bielefeld - ein soziales Projekt mit Vorbildcharakter

Im Studium erscheint es oftmals leicht: „Wie hat T sich strafbar gemacht?“ Nach kurzer Prüfung lässt sich im Optimalfall schnell die Strafbarkeit festsetzen, die Rechtsfolge bleibt meist unbeachtet, später im Strafprozessrecht und kriminologischen Schwerpunktbereichen wird sich damit befasst, wie sanktioniert wird, das Strafmaß bestimmt wird und so weiter.

Doch auch das bleibt zumeist nur abstrakt. Dass T infolge der Tatbestandsverwirklichung ins Gefängnis muss, dass er eine mehrjährige Haftstrafe absitzen muss und ob und wie die Resozialisierung in der Gesellschaft funktioniert, ist nicht Teil unserer juristischen Ausbildung. Von Strafzwecken wird ein Jeder im Verlaufe seines Studiums schon einmal gehört haben. Punitur, quia peccatum est (Es wird bestraft, weil Unrecht begangen worden ist) - die absoluten Straftheorien, der Gedanke der Sühne, der Generalprävention, der Spezialprävention, aber auch die verschiedenen Vereinigungstheorien werden dem Ein oder Anderen nicht unbekannt sein.

Doch genug zur Theorie- wie sieht es in der Praxis aus? Wir haben die Straffälligenhilfe Kreis 74 e.V. aus Bielefeld entdeckt und möchten euch heute über die ehrenamtliche Arbeit mit Strafgefangenen und ihren Angehörigen berichten.

Bei Iurratio stellen wir euch oft Projekte vor, die in der Gsellschaft zu wenig Beachtung finden, die Berührungspunkte mit eurem Studienfach haben, aber leider in vollgepackten Stundenplänen und Unmengen an Pflicht- und Examensstoff zu kurz kommen. Dafür haben wir Norbert Schaldach vom Kreis 74. e.V. befragt.

Iurratio: Bitte stellen Sie sich und die Ziele Ihres Vereins kurz vor.

Norbert Schaldach: Ich bin Diplom-Sozialpädagoge und arbeite seit 1983 bei Kreis 74. Anfangs habe ich ausschließlich mit straffälligen Jugendlichen gearbeitet, später auch mit erwachsenen Straftätern und deren Angehörigen. Seit vielen Jahren werbe und schule ich Ehrenamtliche für unseren Verein.

Der Kreis 74 wurde rein ehrenamtlich gegründet und hat bis heute sehr viele Ehrenamtliche, die in den umliegenden Haftanstalten arbeiten oder sich mit Inhaftierten per Briefkontakt unterhalten. Im Laufe der Jahre hat der Verein eine Reihe von rein hauptamtlich besetzten Arbeitsbereichen geschaffen: Ein Wohnprojekt für haftentlassene Männer, eine Beratungsstelle für Straffällige oder deren Angehörige, ein Jugendhilfeprojekt namens Brücke Bielefeld.

Iurratio: Vor Kurzem haben Sie vierzigjähriges Vereinsjubiläum gefeiert. Blicken Sie zurück auf eine Zeit, in der Sie vielen Straffälligen und ihren Angehörigen helfen konnten?

Norbert Schaldach: Zweifellos, denn das wurde uns immer wieder von vielen Menschen erklärt, mit denen wir Kontakt hatten. Das Helfen geht nicht – wie mir mal in den 1980er-Jahren ein Polizist unterstellen wollte – in die Richtung Strafvereitelung, sondern soll die Menschen in Krisen begleiten und stabilisieren. Nach der Haftentlassung bemühen wir uns, einen Weg in selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen.

Iurratio: Gibt es eine Art Alltag?

Norbert Schaldach: Alltag? Auch nach über 30 Jahren ist mir das Wort fremd.

Iurratio: Mit welchen Problemen werden Sie in Ihrer Arbeit konfrontiert?

Norbert Schaldach: Probleme bereitet die Wohnungs- und Arbeitssuche. Heutzutage kaum vorstellbar, aber vor 30 Jahren verfügten wir über eine kleine Kartei von Firmen, wo wir schnell und unkompliziert Leute in Arbeit bringen konnten. Heute gibt es stattdessen zahlreiche Maßnahmen, die oft demotivierende Pseudoveranstaltungen sind. Eine Weisheit von Professor Binsen ist halt, dass zwei Lebensumstände die Rückfallgefahr drastisch senken: Erstens eine gesellschaftlich akzeptabel bezahlte Arbeit, mit der man sein Leben, seine kleinen Wünsche finanzieren kann.

Keine Maßnahme der Arbeitsagentur mit anschließendem Praktikum und anschließender Übernahme in geringfügige Beschäftigung ist geeignet, Menschen zu stabilisieren. Und zweitens eine stabile Liebes- und Lebensgemeinschaft.


Iurratio: Sie bieten auch Unterstützung beim sogenannten Täter-Opfer-Ausgleich an?

Norbert Schaldach: Die Wirksamkeit des Täter-Opfer-Ausgleichs ist wissenschaftlich international bestätigt. Die Täter müssen sich mit den Folgen ihrer Tat auseinandersetzen. Die Opfer erhalten Gelegenheit, den Täter mit nichtmateriellen Folgen zu konfrontieren.

Das Opfer ist kein Zeuge, sondern handelndes Subjekt des Verfahrens. Auf einen Punkt gebracht: Die Beteiligten erhalten ihren Konflikt zurück. Wir begleiten das Verfahren gezielt, um einen für beide Seiten akzeptablen Ausgleich herzustellen.

Leider ist der Täter-Opfer-Ausgleich in Bielefeld ein trauriges Kapitel. Das Justizministerium hat 2013 die langjährigen Zuschüsse für den Täter-Opfer-Ausgleich des Kreis 74 gekappt. Hintergrund: Die StA Bielefeld war nicht bereit, dieses wirkungsvolle Mittel in dem Maße zu nutzen, wie das deren Kollegen in anderen Städten tun.

Unser Lokalblatt Neue Westfälische titelte anschließend treffend: „Die Opfer sind egal“. Aber gibt es in Bielefeld noch den Täter-Opfer-Ausgleich bei jugendlichen und heranwachsenden Straftätern. Den finanziert die Stadt Bielefeld, und unser Verein führt das über unser Jugendhilfeprojekt Brücke Bielefeld aus. Es handelt sich dabei nur um Diversionssachen nach JGG.


Iurratio: Ihr Verein basiert auf ehrenamtlichem Engagement? Wer ist bei Ihnen engagiert? Wie kann man selbst Teil Ihrer Organisation werden?

Norbert Schaldach: Wir haben Menschen aller Stände und jeden Alters dabei. Eine sehr gemischte Gruppe, auf die wir richtig stolz sind. Eine Rentnerin, die vorher in einem Kaufhaus die Abteilung für Damenunterbekleidung geleitet hat, ein selbstständiger Handwerksmeister, der seine Firma mit schwarzen Zahlen an seine Söhne übergeben hat oder Studierende diverser Fakultäten.

Mitmachen kann bei uns jeder, der genug Zeit und Interesse mitbringt. Das Kleingedruckte besprechen wir dann im Einzelgespräch. Aber man sollte aus der Region stammen, damit man an unseren Fortbildungen und der Supervision teilnehmen kann.

Iurratio: Sehen Sie Haftstrafen, wie sie derzeit ausgestaltet sind als effektives Mittel zur Resozialisierung an?

Norbert Schaldach: Nein. Jede Firma, die mit dieser finanziellen Ausstattung so wenig von ihren verkündeten Zielen erreicht, wäre schon lange dichtgemacht worden. Fakt ist: Die Subkulturen in den Knästen blühen und verhindern effektve Resozialisierung. Das ist kein Versagen der Mitarbeiter. Der Fehler liegt im System. Beispiel: Über dem JGG schwebt der Erziehungsgedanke – sehr gut. Aber wie viel davon kann man im Alltag eines Jugendknastes finden?

Ich habe junge Menschen kennengelernt, die dort verrückt geworden sind. Ihre Psyche hat die Härte des Alltags nicht ausgehalten. Manche fliehen dann in Drogen oder schließen sich der Subkultur an, um zu überleben. Resozialisierung muss nach der Haftentlassung stattfinden, dazu sind die Institutionen wie Bewährungshilfe oder wir, die freie Straffälligenhilfe, aber viel zu knapp ausgestattet.

Wenn jemand behauptet, dass dazu das Geld fehle, dann rate ich zum sofortigen Geldsparen: Schluss mit der Kriminalisierung von Cannabiskonsumenten. Der Berliner Richter Andreas Müller hat vorgerechnet, dass wir in den letzten 40 Jahren 500.000 Menschen wegen dieses Konsums inhaftiert haben – ein kostspieliger Irrsinn. In den Niederlanden, wo man dieses Rauschmittel legal erwerben und konsumieren darf, wird weniger Cannabis konsumiert als in Deutschland. Die Mafia freut sich, dass unsere Gesetze ihr Angebot illegaler Drogen sichern.

Als Letztes weise ich noch darauf hin, dass die Hälfte aller derzeit Inhaftierten in Deutschland weniger als Jahr Haftstrafe haben, 10% sogar nur eine Ersatzfreiheitstrafe absitzen. Diese riesige Gruppe von Menschen muss man nicht kostspielig wegsperren. Man könnte sie mit Sozialstunden belegen, dann hätte die Gesellschaft sogar noch was davon.

Herr Schaldach ist ein schönes Beispiel für ehrenamtliches Engagement in diesem Bereich und es sollte zweifelsohne mehr Angebote wie den Kreis 74 e.V. geben.
Die Freiheitsstrafe scheint eine aus dem deutschen Strafrecht nicht wegzudenkende Rechtsfolge zu sein. Ob sie denn gerecht ist, steht auf einem anderen Blatt.

Während- wie Schaldach selbst erklärt- im Jugendstrafrecht der Charakter der Erziehung der Jugendlichen im Vordergrund steht und Sanktionen immer den Zweck haben sollen, eine (Wieder)eingliederung in die Gesellschaft zu fördern, scheint dies im Erwachsenenstrafrecht nicht Fokus zu sein.

Wichtig ist es jedoch, den Inhaftierten einen Weg zurück in die Gesellschaft und in ein selbstbestimmtes Leben zu bieten. Die Mängel und Schwachstellen, die unser Rechtssystem in der Sanktionierung Straffälliger zu haben scheint, gehören kompensiert. An diesen Stellen knüpfen ehrenamtliche Vereine wie der Kreis 74 e.V. an und versuchen so, für eine effektive Resozialisierung zu sorgen.

Wenn Ihr Euch für die ehrenamtliche Arbeit des Kreis 74 e.V. interessiert, besucht doch seine Homepage http://kreis74.de/ oder hört euch hier eine Radiodokumentation über den Briefkontakt mit einem Inhaftierten an.

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