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Interview mit Rechtsanwältin Anne Fischer über ihre Tätigkeit im Versicherungsunternehmensrecht

In unserer Interviewreihe für die Berufsspecials haben wir erfolgreiche Rechtsanwälte hinsichtlich ihrer Tätigkeit, den Anforderungen und Aus-& Weiterbildungsmöglichkeiten im Versicherungsunternehmensrecht befragt.

"Als größter Konkurrent der Versicherer gelten übrigens Google und Amazon"

 

Tätigkeit

iurratio: Das Versicherungsunternehmensrecht ist ein rechtlich äußerst vielfältiger Bereich. Wie haben Sie den Bereich intern strukturiert? Gibt es bestimmte Teams, die immer wieder bestimmte Teilbereiche in der Beratung übernehmen, oder werden diese für jedes Mandat individuell neu zusammengestellt?

Anne Fischer: Es gibt ein Kernteam um den Partner Dr. Jan Schröder, das eine sehr starke eigene Beratungspraxis im Bereich des Versicherungsunternehmensrechts hat.  Zudem unterstützen die Mitglieder des Kernteams auch andere Teams mit ihrer Spezialexpertise.

Innerhalb des Kernteams kann jeder alles, aber natürlich hat jeder von uns auch seine Steckpferde. Ich berate beispielsweise verstärkt sogenannte InsurTechs. Eine solche weitere Spezialisierung hat dann natürlich auch Einfluss auf die Zusammenstellung des Beratungsteams in einem speziellen Mandat.

 

iurratio: Warum haben Sie sich für eine Tätigkeit im Bereich Versicherungsunternehmensrecht entschieden? In welchem Karrierestadium fiel die Entscheidung anwaltlich in diesem Bereich tätig zu werden?

Anne Fischer: Ich finde die Vielfältigkeit des Bereichs extrem spannend. Neben typischen M&A-Themen haben Transaktionen im Versicherungsunternehmensrecht auch immer eine öffentlich-rechtliche Komponente. Zudem spielt das Europarecht, auf das ich mich im Studium spezialisiert hatte, eine wesentliche Rolle im Finanzbereich. Seit der Brexit-Entscheidung des Vereinigten Königreichs ist gerade in dem stark regulierten Versicherungs- und Banksektor ein riesiger Beratungsbedarf. Nicht zuletzt ist meine Tätigkeit sehr international. Es vergeht eigentlich kaum eine Woche, in der wir nicht mit Kollegen aus einem ausländischen Büro von Allen & Overy zusammenarbeiten.

Die Entscheidung anwaltlich in diesem Bereich tätig zu werden, kam während des Referendariats. Damals habe ich in den Bereich reingeschaut, weil ich meine wenigen versicherungsrechtlichen Kenntnisse anbringen konnte und meine europarechtliche Vorbildung im Vorstellungsgespräch gut ankam. Mein versicherungsunternehmensrechtliches Wissen war zu der Zeit, positiv ausgedrückt, sehr beschränkt. Letztlich überzeugt haben mich dann die Internationalität und Vielfältigkeit des Bereichs. Das hat mich so fasziniert, dass ich an anderen sicherlich auch interessanten Bereichen das Interesse verloren habe.

 

iurratio: Inwieweit ist ihre Erwartungshaltung an das Fachgebiet Versicherungsunternehmensrecht erfüllt worden? Was waren die größten Überraschungen?

Anne Fischer: Meine Erwartungen sind – wenn ich darüber nachdenke – eigentlich komplett erfüllt worden. Die größten Überraschungen bot dann doch das Europarecht. Es ist auch heute immer wieder überraschend, wie unterschiedlich die harmonisierten Regeln in den Mitgliedstaaten angewendet werden. Eine erste Indikation, wie es in anderen Ländern sein sollte, kann man dem Mandanten aber meistens trotzdem schon einmal mit auf den Weg geben.

 

iurratio: Womit muss der Anwalt an einem typischen Arbeitstag im Bereich des Versicherungsunternehmensrechts rechnen?

Anne Fischer: Nach meiner Erfahrung gibt es keinen typischen Arbeitsalltag. Was ich aber sagen kann, man hat – jedenfalls meistens – rechtlich spannende Fragen, die immer einen sehr starken wirtschaftlichen Bezug haben. Auch mit einigen Jahren Berufserfahrung würde ich sagen, dass ganz häufig neue spannende Fragen aufkommen. Das liegt sicherlich auch an der hohen Dynamik des Versicherungsunternehmensrechts, das ja stark durch regulatorische Maßnahmen und wirtschaftliche Einflüsse geprägt ist. Das immer noch etwas „angestaubte“ Image des Versicherungssektors spiegelt sich in meinem Arbeitsalltag jedenfalls nicht wider.

 

iurratio: Was sind die aktuell spannendsten Fragen im Versicherungsunternehmensrecht aus Ihrer Sicht?

Anne Fischer: Ganz aktuell sicherlich der Brexit. Auf längere Sicht sind sicherlich die Themen der Digitalisierung von enormer Bedeutung und dabei nicht nur InsurTechs, sondern auch Fragen, wie Versicherungsunternehmen, die ja über riesige Datenpools verfügen, diese sinnvoll nutzen können. Als größter Konkurrent der Versicherer gelten übrigens Google und Amazon.

Ein weiteres rechtlich herausforderndes Thema ist die Niedrigzinsphase und deren Auswirkung vor allem auf die Lebensversicherungsbranche. Das Thema ist zwar nicht mehr ganz neu, hat aber kein bisschen an Aktualität verloren und ist natürlich auch volkswirtschaftlich sehr relevant.

 

Anforderungen

iurratio: Welche Qualifikationen bzw. welche Soft Skills sind für eine anwaltliche Tätigkeit im Bereich des Versicherungsunternehmensrechts vorteilhaft bzw. notwendig? Auf welche Anforderungen der Branche müssen sich Bewerber hier einstellen?

Anne Fischer: Wirtschaftliches Interesse und Verständnis sind extrem wesentlich. Zudem sind europarechtliche Vorkenntnisse und Englischkenntnisse ein Muss. Darüber hinaus ist es nach meiner Erfahrung wichtig, dass man Lösungen entwickeln kann und nicht nur der repetitive Typ ist. Weil es nicht so viel Literatur und Rechtsprechung wie in anderen Rechtsgebieten gibt, muss man im Versicherungsunternehmensrecht vielleicht mehr als in anderen Bereichen sein juristisches Handwerkszeug beherrschen. Ein gutes Judiz ist sicherlich von Vorteil.

Der Mandant kommt meistens nicht mit einem abgegrenzten rechtlichen Problem auf eine Kanzlei zu, sondern möchte ein wirtschaftliches Thema lösen, das auch rechtliche Bezüge hat. Von daher ist es fundamental, dass man die wirtschaftlichen Treiber der Branche versteht; nur so kann man auch guten rechtlichen Rat geben.

 

iurratio: Welche Anforderungen stellen Sie an Referendare für eine Stage bzw. an Berufsanfänger für eine Tätigkeit in Ihrer Kanzlei?

Anne Fischer: Neben den üblichen Notenanforderungen sind solide Englischkenntnisse und wirtschaftliches Interesse ein Muss. Letztlich muss es aber auch menschlich passen.

Erwarten Sie von Anfang an eine starke Spezialisierung im Versicherungsunternehmensrecht zusätzlich zu breiten Kompetenzen im Zivilrecht? Oder findet hier auch ein „Training on the job“ im Sinne eines Heranführens von kleinen zu großen Aufgaben statt?

Anne Fischer: Eine gewisse gesellschafts- und aufsichtsrechtliche Vorbildung erleichtert den Einstieg, erwartet werden diese Vorkenntnisse aber nicht. Das meiste lernt man auch tatsächlich beim „training on the job“. Dabei geht es aber auch nicht nur darum, die rechtlich richtige Lösung für den Mandanten zu finden. Mindestens genauso wichtig ist die richtige Präsentation der Lösung. Das ist meistens auch die steilste Lernkurve von jungen Kollegen.

 

Weiterbildung

iurratio: Welche Zukunftsaussichten sehen Sie für Berufseinsteiger im Bereich des Versicherungsunternehmensrechts?

Anne Fischer: Aus meiner Sicht sind die Zukunftsaussichten hervorragend. Durch die nicht nachlassende Regulierungsflut suchen fast alle Kanzleien gute Kandidaten für ihre Versicherungsunternehmensrechtliche Praxis. Der Vorteil des Bereichs liegt aber sicherlich auch darin, dass man die Besonderheiten von M&A-Deals im Versicherungsbereich lernt, aber natürlich gleichzeitig so breit aufgestellt ist, dass man auch alle „normalen“ M&A-Deals beraten kann.

 

iurratio: Welche Aus/Weiterbildung im Bereich des Versicherungsunternehmensrechts würden Sie Junganwälten ans Herz legen?

Anne Fischer: Hier sollte jeder schauen, was ihr oder ihm Spass macht und inwieweit man sich noch weiter spezialisieren möchte. Ein MBA schadet aber natürlich nie.

 

iurratio: Welche Weiterbildungsmöglichkeiten gewährt Ihre Kanzlei?

Anne Fischer: Allen & Overy hat sowohl ein nationales als auch ein internationales Ausbildungsprogramm. Während auf nationaler Ebene die rechtlichen Themen im Vordergrund stehen, fokussiert sich das internationale Ausbildungsprogramm stärker auf Soft-Skills. In beiden Fällen ist das interne Networking natürlich auch maßgeblicher Bestandteil. Ich fand es schon sehr bereichernd und inspirierend mich mit Kollegen zum Beispiel aus Sydney, Jakarta, Johannesburg und Amsterdam über deren Erfahrung und den jeweiligen Rechtsmarkt auszutauschen.

 

iurratio: Was würden Sie Bewerbern raten, die sich für eine Karriere im Versicherungsunternehmensrecht interessieren? Welche Schwerpunkte sollten sie bei ihrer Ausbildung setzen, auf welche fachübergreifenden Fähigkeiten wertlegen?

Anne Fischer: Das klingt jetzt vielleicht banal, aber mein Haupttipp ist, dass man einfach mal reinschnuppern sollte. Wenn ich es jetzt auf Rechtsgebiete und sonstige Fähigkeiten runterbrechen muss, beinhaltet meine Wunschliste für die perfekte neue Kollegin oder den perfekten neuen Kollegen: gute Kenntnisse im Gesellschaft- und Europarecht, idealerweise natürlich auch versicherungsaufsichtsrechtliche Kenntnisse, zumindest ein gewisses bilanzielles Verständnis, sehr gute Englischkenntnisse, Interesse an wirtschaftlichen Zusammenhängen und Dinge, die man nur bis zu einem gewissen Grad lernen kann: hohe Sozialkompetenz und Teamfähigkeit.

 

iurratio: Vielen Dank für das Interview!

 

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