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Aus unserem Berufsspecial zu einer Tätigkeit im Bereich Arbeitsrecht

In unserer Interviewreihe für unsere Berufsspecials haben wir  Rechtsanwältin Anja Glück (Allen & Overy) hinsichtlich ihrer Tätigkeit, den Anforderungen sowie Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten im Bereich Arbeitsrecht befragt.

"Die einzige Routine ist der morgendliche Espresso – und selbst da probieren wir gerade verschiedene Sorten."

 

Anja Glück (Allen & Overy, Arbeitsrecht)

Tätigkeit

iurratio: Jeder angehende Jurist muss sich mittlerweile im Laufe seines Studiums mit dem Arbeitsrecht auseinandersetzen. Welche Herausforderungen erwarten einen Berufseinsteiger bei einer anwaltlichen Tätigkeit im Bereich des Arbeitsrechts?

Anja Glück: Unsere Rechtsberatung adressiert zuvorderst die Mandantschaft. Das theoretische Fundament und die Analysefähigkeit aus Studium und Referendariat bleiben zwar wichtig. Bis dahin wurden aber meist komplexe Probleme zu einem feststehenden Sachverhalt in mehreren Stunden detailliert auf über zwanzig Seiten für andere Fachangehörige erörtert. Jetzt braucht es in derselben Qualität prägnante und individuell zugeschnittene Handlungsvorschläge in einer auch für Fachfremde nachvollziehbaren Sprache. Das ist für die meisten zu Beginn ihrer Tätigkeit eine erhebliche Umstellung.

Der dazugehörige Sachverhalt muss erst einmal gemeinsam mit der Mandantschaft ermittelt werden. Gute juristische Lösungen erfordern dann zu begreifen, welche inhaltlichen Motive treibend sind. Zusätzlich muss man ein Gefühl dafür bekommen, welche kreativen Umsetzungsoptionen auch realistisch sind.

Außerdem befasst sich A&O nur in Ausnahmefällen mit Standard-Lehrbuchfällen. Wir tummeln uns meist mit einer Hand am klassischen arbeitsrechtlichen Hochreck, um mit der anderen Hand zugleich exotische Fragen, etwa zu § 97 Abs. 1 Satz 3 InsO oder § 25a Abs. 5 KWG, zu analysieren.

 

iurratio: Wie würden Sie den Arbeitsalltag im Bereich des Arbeitsrechts beschreiben?

Anja Glück: Teamorientiert, herausfordernd und abwechslungsreich. Die einzige Routine ist der morgendliche Espresso – und selbst da probieren wir gerade verschiedene Sorten. A&O ist eine Full-Service-Kanzlei, d.h. wir beraten durchgehend im gesamten arbeitsrechtlichen Spektrum. Sie können also morgens ein Memorandum dazu schreiben, ob die Vergütung eines Vorstands den Anforderungen des § 87 AktG genügt, mittags mit einer erfahrenen Kollegin eine E-Mail zum strategischen Vorgehen bei deutschlandweit geplanten Streiks entwerfen und abends mit prominenten Arbeitsrechtspartnern an einer Telefonkonferenz zum Betriebsübergang bei einer Unternehmenstransaktion teilnehmen. Nach einer gewissen Zeit betreuen Sie selbst Mandanten, treten vor Gericht oder Einigungsstellen auf oder setzen eigene Akzente, etwa durch wissenschaftliche Aufsätze zum Datenschutz oder der Teilnahme an Konferenzen zur jüngsten Rechtsprechung des EuGH.

 

iurratio: Können Sie sich an ein herausragendes Ereignis in Ihrem Berufsalltag erinnern und würden uns von diesem berichten?

Anja Glück: Es ist schon einmalig, an welchen spektakulären Mandanten man in einer Großkanzlei bereits im ersten Berufsjahr mitwirken darf. Öffentlich ist beispielsweise die A&O-Unterstützung für den US-amerikanischen Finanzinvestor Cerberus Capital Management bei der Übernahme der HSH.

Mich motivieren aber eher die kleinen Dinge im Berufsalltag. Beispielsweise die bisher von den damit befassten Mitbewerbern übersehene aufsichtsrechtliche Norm erkannt zu haben, die das Ergebnis einer arbeitsrechtlichen Prüfung völlig umkehrt. Nach kurzer Besprechung mit dem Partner ist uns im Anschluss das gesamte Mandat übertragen worden. Bei wie vielen Tätigkeiten kann die eigene Neugier so einen Unterschied bereits zu Beginn der beruflichen Laufbahn machen?

 

iurratio: Wie haben Sie den Bereich Arbeitsrecht intern strukturiert? Gibt es bestimmte Teams, die immer wieder bestimmte Teilprozesse betreuen oder werden diese für jedes Mandat individuell neu zusammengestellt?

Anja Glück: Für bestimmte Themen besitzen alle Teams umfangreiche Expertise und wir stellend die Teams dann je Mandat zusammen. Im Übrigen sind alle Associates bei uns aber überwiegend nach den thematischen Schwerpunkten der jeweiligen Partner zugeordnet. In Frankfurt dürfte ein Streik eher im Team von Thomas Ubber bearbeitet werden, eine vergütungsrechtliche Frage dagegen eher im Team von Hans-Peter Löw. Es kommt aber regelmäßig zu Überschneidungen oder teamübergreifender Zusammenarbeit. Innerhalb jeden Teams sind Associates dann mit unterschiedlichen Bereichen befasst. Für abgrenzbare Mandate bilden wir dann oft kleinere Projekt-Teams.

 

iurratio: Was sind die aktuell spannendsten Fragen im Arbeitsrecht aus Ihrer Sicht?

Anja Glück: Davon gibt es derzeit besonders viele. Die DSGVO dürfte weiterhin ein dogmatisch spannendes Thema bleiben, wenngleich die erhitzte politische Debatte inzwischen zu Recht etwas abgekühlt ist. Zuletzt sind wir auch mit vielen interessanten Fragen zu den Folgen des Ausscheidens Großbritanniens aus der EU befasst, beispielsweise für Datentransfer, Arbeitnehmerüberlassung und die Leitungsorganisation in Konzernen. Persönlich bin ich viel mit der Schnittstelle von Aufsichts- und Arbeitsrecht befasst. Daher verfolge ich gespannt, wie die neu gefasste Institutsvergütungsverordnung implementiert wird.

 

iurratio: Was hat Sie dazu bewogen, sich für eine Tätigkeit im Arbeitsrecht zu entscheiden?

Anja Glück: Wie so oft eher der Zufall. Mein ursprünglicher Wunsch war es, Staatsanwältin zu werden. Mein Interesse am Arbeitsrecht hat dann aber eine Boutique in Heidelberg nahe dem juristischen Seminar geweckt. Nach dem räumlich gut gelegenen Praktikum begann ich dort eine Nebentätigkeit als studentische Hilfskraft. Die unvergleichbar facettenreichen und lebensnahen Fragestellungen des Arbeitsrechts haben mich bis heute nicht mehr losgelassen. Nach der Ersten juristischen Prüfung kam ich dann als wissenschaftliche Mitarbeiterin zu A&O in ein sehr sympathisches Team. So führte eins zum anderen. Das Strafrecht finde ich immer noch spannend, beschäftige mich damit jetzt aber nur ab und an als Anwältin aus arbeitsrechtlicher Sicht.

 

iurratio: Inwieweit ist ihre Erwartungshaltung an das Fachgebiet Arbeitsrecht erfüllt worden? Was waren die größten Überraschungen?

Anja Glück: Da ich als Studentin ursprünglich keine besonderen Erwartungen hatte, war ich geradezu verblüfft, wie abwechslungsreich, spannend und menschlich wie fachlich herausfordernd das Arbeitsrecht ist. Das ist das Gute an der juristischen Ausbildung: Man kann ziemlich lange viele verschiedene Gebiete erkunden. Das nützt einem dann sogar meist unabhängig davon, wofür man sich letztendlich entscheidet. Mich hat beispielsweise überrascht, wie viele Schnittstellen zu anderen Rechtsgebieten das Arbeitsrecht in der Praxis hat. Nur einige Beispiele aus den letzten Monaten sind das Aufsichtsrecht, Gesellschaftsrecht, Strafrecht, Steuerrecht, Sozialversicherungsrecht und Verwaltungsrecht.

 

Anforderungen

iurratio: Neben juristischem Fachwissen erfordert eine Vermittlung z.B. verschiedener Parteien auch immer Kenntnisse über das Juristische hinaus, wie etwa Verhandlungsgeschick. Auf welche Anforderungen der Branche müssen sich Bewerber hier einstellen?

Anja Glück: Wer sich bewirbt, muss Lust darauf haben zuzuhören, zu kommunizieren, sich einzubringen und im Team zu arbeiten. Wer die Neugier hierfür mitbringt, ist meiner Meinung nach schon auf dem richtigen Weg. Es gibt darüber hinaus kein festes Anforderungsprofil. Vielleicht hat jemand intensiv Kahneman "Thinking, Fast and Slow" gelesen, verschiedene Seminare besucht oder ehrenamtliche Erfahrung gesammelt. A&O selbst schult dann ohnehin alle bei uns tätigen Personen intensiv. Regelmäßige Veranstaltungen hierzu finden für Associates in den jeweiligen Büros vor Ort statt, über die Jahre bei mehrtätigen Trainings in London und im Team lernt jeder täglich von äußerst erfahrenen Verhandlungsprofis.

 

iurratio: Erwarten Sie von Anfang an eine starke Spezialisierung im Arbeitsrecht zusätzlich zu breiten Kompetenzen im Zivilrecht? Oder findet hier auch ein „Training on the job“ im Sinne eines Heranführens von kleinen zu großen Aufgaben statt?

Anja Glück: Wir erwarten bei Personen, die ihre berufliche Laufbahn bei A&O beginnen, keine starke Spezialisierung im Arbeitsrecht. Fundierte Kenntnisse aus Studium, Referendariat oder Nebentätigkeit sind hilfreich. Bei uns arbeiten aber auch juristisch herausragende Personen als Anwälte, die ihren Schwerpunkt in ihrer Ausbildung auf das Europarecht, Gesellschaftsrecht oder die Kriminalwissenschaft gelegt haben. Letztendlich muss die Person, die Interesse an einer Tätigkeit zeigt, als Ganzes überzeugen. Die meisten beginnen ihre Karriere und die damit einhergehende Spezialisierung bei uns ja erst.

 

iurratio: Eine renommierte Kanzlei wie Allen & Overy betreut häufig auch Mandate im internationalen Kontext. Wie stellen Sie die Qualifikation Ihrer Mitarbeiter, z.B. bei Kenntnissen der englischen Sprache, sicher?

Anja Glück: Hervorragende Englischkenntnisse sind in der Tat heute sehr wichtig. Das wissen auch die meisten Personen, die sich bei uns bewerben. Sehr viele haben bereits im Studium, Referendariat oder durch einen LL.M. im englischsprachigen Ausland substanziell ihre Sprachfertigkeiten trainiert. A&O bietet aber zugleich noch in der Ausbildung bei uns Tätigen wöchentliche Englischkurse und intensiviert das später auf freiwilliger Basis noch einmal. Zusätzlich finden für als Anwälte tätige Personen regelmäßig Veranstaltungen in London statt und Sie werden praktisch täglich "on the job" den Umgang mit der englischen Sprache trainieren.

 

iurratio: Wie wichtig ist Ihrer Meinung nach die Erlangung des Fachanwaltstitels im Arbeitsrecht?

Anja Glück: Meinem Eindruck nach ist der Titel hilfreich, da viele Marktteilnehmer damit einen höheren Spezialisierungsgrad assoziieren. Abschließend beurteilen kann ich das nicht.

 

Weiterbildung

iurratio: Welche Zukunftsaussichten sehen Sie für Berufseinsteiger im Bereich des Arbeitsrechts?

Anja Glück: Aus meiner Sicht sind die Zukunftsaussichten im Bereich Arbeitsrecht sehr gut. Die Wirtschaft benötigt Fachwissen im Arbeitsrecht in Zeiten des Wachstums, der Stagnation und erst recht in Krisen. Also letztlich immer. Digitalisierung und Globalisierung sorgen mit hoher Geschwindigkeit für einen kontinuierlichen Wandel der Arbeitsrealität. Bei der Gestaltung dieses Wandels braucht es dringend qualifizierte Personen mit entsprechender Expertise. Kaum an einer anderen Stelle als in einer internationalen Wirtschaftskanzlei hat man bessere Chancen diese Expertise von den Besten zu erlernen. Der Bedarf an hochqualifiziertem Nachwuchs ist ungebrochen groß. Das zeigt sich auch bei uns: Wir bestehen deutschlandweit derzeit aus etwa 20 als Anwälte tätigen Personen – und möchten gerne weiter wachsen.

 

iurratio: Welche Aus/Weiterbildung im Bereich des Arbeitsrechts würden Sie Junganwälten ans Herz legen?

Anja Glück: Die Praxis in einem sympathischen Team in der forderndsten, renommiertesten, agilsten und spannendsten Kanzlei, die Sie finden können. Für mich ist die tägliche Praxis in einem solchen Umfeld die mit Abstand beste denkbare Ausbildung als Anwältin. Die Lernkurve bleibt kontinuierlich steil.

 

iurratio: Welche Weiterbildungsmöglichkeiten gewährt Ihre Kanzlei?

Anja Glück: Die Business School Germany ist das interne Weiterbildungsprogramm für Associates in Deutschland. Zusammen mit der globalen A&O Business School ergibt sich ein umfassendes, inhaltlich genau aufeinander abgestimmtes Programm, das die wichtigsten Themen für jede Senioritätsstufe abdeckt. Dazu gehören praxisgruppenspezifische Trainings zur Vermittlung fachspezifischer Kenntnisse und zur Weiterentwicklung der Soft und Business Skills sowie globale Kurse in London. Speziell im Arbeitsrecht fördert A&O zudem gezielt die Aus- und Fortbildung zum Fachanwalt (m/w/d) für Arbeitsrecht.

 

iurratio: Was würden Sie Bewerbern raten, die sich für eine Karriere im Arbeitsrecht interessieren? Welche Schwerpunkte sollten sie bei ihrer Ausbildung setzen, auf welche fachübergreifenden Fähigkeiten wertlegen?

Anja Glück: Hören Sie sich Vorträge und Vorlesungen zu arbeitsrechtlichen Themen an, nutzen Sie Studium und Referendariat, um sich die arbeitsrechtliche Praxis in Unternehmen und Kanzleien anzusehen, die Sie reizen. Lesen Sie Literatur zu den Themen, die Sie spannend finden. Gehen Sie einfach Ihrer Neugier nach, vielleicht auch in Seminaren zu Verhandlungsstrategien, fachfremden Vorlesungen oder Podiumsdiskussionen. Erwägen Sie die Chance für Erfahrungen im Ausland, beispielsweise über ein Auslandssemester, einen LL.M. oder (finanziell oft noch am besten zu bewältigen) in der Wahlstation während des Referendariats. Seien Sie ansonsten aufmerksam im täglichen Leben: Wenn Sie einen Praktikumsvertrag unterschreiben, ein Formular auf Fahrtkostenerstattung im Referendariat ausfüllen, auf einer Behördenwebseite die sozialversicherungsrechtlichen Hinweise lesen oder ihre erste Steuererklärung abgegeben. Das Wichtigste dürfte aber auch für am Arbeitsrecht Interessierte sein, sich gut auf die beiden Staatsprüfungen vorzubereiten.

 

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