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Aus unserem Berufsspecial zu einer Tätigkeit im Bereich Kartellrecht - Interview mit den Rechtsanwälten Dr. Johannes Scherzinger und Dr. Martin Beutelmann

In unserer Interviewreihe für unsere Berufsspecials haben wir Rechtsanwalt Dr. Martin Beutelmann und Rechtsanwalt Dr. Johannes Scherzinger hinsichtlich ihrer Tätigkeiten, den Anforderungen sowie Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten im Bereich Kartellrecht befragt.

"Vor allem gilt: Machen Sie das, was Sie interessiert und was Sie spannend finden!"

Dr. Johannes Scherzinger

(BRP Renaud & Partner)

Dr. Martin Beutelmann, Recruiting-Partner

(BRP Renaud & Partner)

Tätigkeit


Iurratio: Was hat Sie dazu bewogen, sich für eine Tätigkeit im Kartellrecht zu entscheiden?

Dr. Johannes Scherzinger: Für meine Entscheidung, beim Berufseinstieg das Kartellrecht zu wählen, gab es verschiedene Gründe. Besonders attraktiv war für mich, dass das Kartellrecht ein sehr vielfältiges Rechtsgebiet ist und es innerhalb des Kartellrechts viele unterschiedliche Tätigkeitsbereiche gibt. Spannend war und ist für mich vor allem, dass das Kartellrecht in vielen Bereichen auch eine Auseinandersetzung mit ökonomischen Aspekten voraussetzt und ein sehr internationales Tätigkeitsgebiet ist. Entscheidend war aber auch, dass ich die Kanzlei und das Kartellrechtsteam aus dem Referendariat kannte und wusste, dort sowohl menschlich gut aufgehoben zu sein, als auch fachlich hervorragend ausgebildet zu werden.

Iurratio: Inwieweit ist ihre Erwartungshaltung an das Fachgebiet Kartellrecht erfüllt worden? Was waren die größten Überraschungen?

Dr. Johannes Scherzinger: Überraschungen gab es für mich eigentlich nur wenige. Ich kannte die wichtigsten Aspekte der anwaltlichen Tätigkeit im Kartellrecht mit seinen verschiedenen Facetten bereits aus einer Station im Referendariat. Was man im Referendariat vielleicht noch nicht so genau abschätzen kann, ist die Wichtigkeit der korrekten und detaillierten Sachverhaltsaufbereitung und -analyse in vielen kartellrechtlichen Bereichen. Positiv überrascht war ich auch davon, dass die "Kartellrechtsfamilie" relativ klein ist und man beispielsweise über die Studienvereinigung Kartellrecht viele Kollegen regelmäßig trifft und kennen und schätzen lernt.


Iurratio: Womit muss der Anwalt an einem typischen Arbeitstag im Bereich des Kartellrechts rechnen?


Dr. Martin Beutelmann: Den "typischen" Arbeitstag eines Anwalts im Kartellrecht gibt es kaum:
Der Arbeitstag eines Kartellrechtsanwalts kann zum Beispiel vor dem Landgericht beginnen, um einen Mandanten in der mündlichen Verhandlung eines Kartellschadensersatzprozesses zu vertreten. An einem anderen Tag hält man eine Schulung vor Vertriebsmitarbeitern des Mandanten und bringt diesen bei, wie sie sich kartellrechtskonform im Berufsalltag verhalten. Häufig entwirft und verhandelt man aber auch Verträge, beispielsweise zu Kooperationen zwischen Wettbewerbern, oder man entwickelt für einen Hersteller von Markenartikeln ein selektives Vertriebssystem. Oder man verhandelt mit dem Bundeskartellamt darüber, wie ein Gemeinschaftsunternehmen zwischen Wettbewerbern umzugestalten oder aufzulösen ist. Es kann aber auch ein langer Arbeitstag am Schreibtisch sein, z.B. um mit Hochdruck einen Schriftsatz zur Anmeldung eines Unternehmenskaufs zur Fusionskontrolle vorzubereiten.
An einem besonders spannenden Arbeitstag eines Kartellrechtsanwalts wird man bereits morgens früh auf dem Handy angerufen und muss umgehend zu einer Mandantin, weil diese gerade von einer Kartellrechtsbehörde durchsucht wird. Das bedeutet in der Regel, dass man die kommenden Tage beim Mandanten verbringt, im Rahmen von internen Ermittlungen Mitarbeiter befragt, um herauszufinden, ob Mitarbeiter des Unternehmens Kartellrechtsverstöße begangen haben und um abzuwägen, ob im Auftrag der Mandantin ein Kronzeugenantrag erstellt und bei einer Kartellbehörde eingereicht werden soll.


Iurratio: Was sind die aktuell spannendsten Fragen im Kartellrecht aus Ihrer Sicht?


Dr. Johannes Scherzinger: Eine extrem spannende Frage ist, wie das Kartellrecht mit den neuen Anforderungen umgehen wird, die von digitalen Märkten gestellt werden. Hier stellen sich viele bislang ungelöste Fragen von "Big Data", über digitale Plattformen, Preisalgorithmen und vieles mehr. Kann das Kartellrecht diese Themen mit seinen bestehenden Instrumenten lösen oder welchen gesetzlichen Anpassungen bedarf es dazu? Wie geht das Kartellrecht mit Unternehmen wie Facebook, Google und Amazon und deren Geschäftsmodellen und Verhaltensweisen um?
Auch spannend: Kartellrecht und Sport! Was können die (marktbeherrschenden) Verbände gegen Sportveranstaltungen privater Anbieter tun? Würden die "50+1-Regel" und das "Financial Fair Play-Konzept" im Profifußball vor einem Gericht Bestand haben oder sind solche Regelungen kartellrechtswidrig? Wird das Kartellrecht und werden die Kartellbehörden künftig stärker in den – zunehmend kommerzialisierten – professionellen Sport eingreifen?

Anforderungen

Iurratio: Welche Qualifikationen bzw. welche Soft Skills sind für eine anwaltliche Tätigkeit im Bereich des Kartellrechts vorteilhaft bzw. notwendig? Auf welche Anforderungen der Branche müssen sich Bewerber hier einstellen?


Dr. Martin Beutelmann: Die Tätigkeit im Kartellrecht ist anspruchsvoll. Dies spiegelt sich auch in den Anforderungen potentieller Arbeitgeber (vor allem Wirtschaftskanzleien und Rechtsabteilungen großer Unternehmen) an die Bewerber wider. Bewerber sollten eine überdurchschnittliche juristische Qualifikation mitbringen. Hinzu kommen gute englische Sprachkenntnisse und ein Verständnis für wirtschaftliche Zusammenhänge.


Iurratio: Welche Anforderungen stellen Sie an Referendare für eine Stage bzw. an Berufsanfänger für eine Tätigkeit in Ihrer Kanzlei?


Dr. Martin Beutelmann: Wir wünschen uns vor allem drei Eigenschaften: eine überdurchschnittliche juristische Qualifikation, Neugierde auf ein spannendes Rechtsgebiet und Teamfähigkeit, d.h. der Berufsanfänger muss auch menschlich zu uns "passen".


Iurratio: Erwarten Sie von Anfang an eine starke Spezialisierung im Kartellrecht zusätzlich zu breiten Kompetenzen im Zivilrecht? Oder findet hier auch ein „Training on the job“ im Sinne eines Heranführens von kleinen zu großen Aufgaben statt?


Dr. Martin Beutelmann: Wir freuen uns natürlich, wenn Bewerber Vorkenntnisse im Kartellrecht mitbringen. Das erleichtert dem Bewerber ohne Zweifel auch den Einstieg in seine Tätigkeit als Anwalt. Viel wichtiger ist uns aber, dass der Bewerber das Kartellrecht spannend findet und bereit ist, sich für das Kartellrecht zu begeistern und sich auf das vielfältige, zu Beginn nicht immer leicht zugängliche Rechtsgebiet einzulassen. Wichtiger als eine frühe Spezialisierung vor dem Berufseinstieg ist für uns außerdem, dass der Kollege eine überdurchschnittliche allgemeine juristische Qualifikation und eine hohe Teamfähigkeit mitbringt, weil wir viel und gerne im Team arbeiten. Die für das Kartellrecht erforderlichen Kenntnisse lassen sich ohnehin nur begrenzt an der Universität lernen. Deshalb erfährt der junge Anwalt bei uns ein breites "training on the job" mit viel Feedback durch die erfahrenen Anwälte. So soll der junge Anwalt nach und nach an die verschiedenen Tätigkeiten eines Kartellrechtsanwalts herangeführt werden.

Iurratio: Beratung im Kartellrecht findet häufig im internationalen Rahmen statt. Gute Englischkenntnisse gelten vermutlich als selbstverständliche Anforderungen an ihre Bewerber und Mitarbeiter. Wie wichtig sind Kenntnisse weiterer Sprachen und anderer Rechtssysteme, z.B. über Zusatzqualifikationen wie einen LL.M.?


Dr. Johannes Scherzinger: Hier gilt – mit einer Ausnahme – die Devise: "Alles kann, nichts muss!". Gute Englischkenntnisse sind in der Tat unerlässlich, da ein nennenswerter Teil unserer Arbeit in englischer Sprache erfolgt.
Einen LL.M. im englischsprachigen Ausland begrüßen wir sehr: Er bestätigt nicht nur hervorragende Sprachkenntnisse, sondern bringt auch viele weitere Vorteile mit sich. Das lässt sich idealerweise sogar mit einer fachlichen Spezialisierung im Kartellrecht verbinden.
Hilfreich im Berufsalltag können außerdem (wettbewerbs-)ökonomische Zusatzqualifikationen sein.

Weiterbildung


Iurratio: Welche Zukunftsaussichten sehen Sie für Berufseinsteiger im Bereich des Kartellrechts?


Dr. Martin Beutelmann: Das Kartellrecht bleibt für Berufseinsteiger sehr attraktiv. Sowohl Kanzleien als auch viele Unternehmensrechtsabteilungen sind auf der Suche nach kartellrechtlichem Nachwuchs. Die Kartellverfolgung durch die Behörden wird tendenziell weiter ausgebaut und auch die Bedeutung des sog. "private enforcement" wird weiter zunehmen. Es ergeben sich also neben der Tätigkeit als (Syndikus-)Rechtsanwalt auch spannende Einsatzmöglichkeiten als Beamter der EU-Kommission oder des Bundeskartellamts oder als Richter in kartellrechtlichen Verfahren.


Iurratio: Welche Aus/Weiterbildung im Bereich des Kartellrechts würden Sie Junganwälten ans Herz legen?


Dr. Johannes Scherzinger: Vor dem Berufseinstieg ist ein LL.M.-Studium mit kartellrechtlichem Schwerpunkt sicherlich etwas, das gut auf den späteren Berufseinstieg vorbereitet.
Klassische Weiterbildungsmöglichkeiten im
Kartellrecht gibt es dagegen wenige. Zum Beispiel sind Fachanwaltstitel hier kaum relevant. Interessante Veranstaltungen gibt es aber von der Studienvereinigung Kartellrecht, die mehrfach pro Jahr zu Treffen einlädt, bei denen der fachliche Austausch im Vordergrund steht. Daneben gibt es viele kommerzielle Anbieter, die Spezialisten aus Wissenschaft und Praxis, aus der Anwaltschaft und aus Behörden, eine Plattform für den fachlichen Austausch bieten.


Welche Weiterbildungsmöglichkeiten gewährt Ihre Kanzlei?


Dr. Martin Beutelmann: Wir legen besonderen Wert auf eine hohe Spezialisierung und fördern individuelle Weiterbildungsmaßnahmen. Dies kann die Teilnahme an fachspezifischen Fortbildungen, Branchentreffen oder Symposien sein, aber auch spezielle Soft-Skills-Trainings (z.B. Verhandlungstraining oder Kommunikations-Coaching). Falls Sprachkenntnisse aufgefrischt werden müssen, bieten wir einen regelmäßigen Englischkurs in unseren Kanzleiräumen an.


Iurratio: Was würden Sie Bewerbern raten, die sich für eine Karriere im Kartellrecht interessieren? Welche Schwerpunkte sollten sie bei ihrer Ausbildung setzen, auf welche fachübergreifenden Fähigkeiten wertlegen?


Dr. Johannes Scherzinger: Vor allem gilt: Machen Sie das, was Sie interessiert und was Sie spannend finden!

Schauen Sie sich während Ihrer Ausbildung im Rahmen eines Praktikums, einer Referendarstation oder einer wissenschaftlichen Mitarbeit verschiedene Tätigkeitsgebiete eines Kartellrechtlers an. Neben der Tätigkeit bei einer Kanzlei verspricht insbesondere auch die Station bei einer Kartellbehörde spannende und für eine spätere Tätigkeit im Kartellrecht auch sehr nützliche Einblicke. Nutzen Sie solche Tätigkeiten insbesondere auch dazu, sich ein Bild von den Menschen zu machen, mit denen Sie künftig zusammenarbeiten würden. Dieser Faktor ist für einen erfolgreichen Berufseinstieg nicht zu unterschätzen.
Für den Kartellrechtler wichtig, ist eine relativ breite juristische Allgemeinbildung: Mindestens Grundkenntnisse im EU-Recht, im Ordnungswidrigkeitenrecht, im Strafprozessrecht und im öffentlichen Recht erleichtern Ihnen den Berufseinstieg im Kartellrecht. Für die Vertragsgestaltung und aufgrund der zunehmenden Bedeutung des Kartellschadensersatzrechts sind außerdem Kenntnisse des Zivilrechts und des Zivilprozessrechts besonders hilfreich.


Dr. Martin Beutelmann: Nutzen Sie das Studium, um etwas über den (juristischen) Tellerrand zu blicken: Schärfen Sie Ihr Verständnis für ökonomische Zusammenhänge, indem Sie beispielsweise eine wirtschaftswissenschaftliche Zusatzausbildung oder spezielle Kurse zur Wettbewerbsökonomie absolvieren. Gehen Sie ins Ausland! Eignen Sie sich Grundkenntnisse in "Hilfsdisziplinen" an, z.B. Psychologie oder Verhandlungsführung.

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